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Mainz expandiert : Wachstumsgrenzen einer amputierten Stadt

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Weitsichtig: In Ebersheim haben die Bürger schon 1969 erkannt, dass sie zum Rhein-Main-Gebiet gehören. Bild: Marcus Kaufhold

Längst sind sie alle „echte Meenzer“ geworden. Doch vor 50 Jahren gab es erbitterten Widerstand, als sich der übermächtige Nachbar daranmachte, sechs Dörfer zwangsweise einzugemeinden. Bis heute fällt es der Kommune schwer, neue Baugebiete auszuweisen, um Platz für all jene zu schaffen, die am Rhein leben möchten.

          Als „amputierte Stadt“, die nach dem Zweiten Weltkrieg gut die Hälfte ihrer Fläche an das Bundesland Hessen verloren hat, wächst Mainz bis heute nur mehr in eine Richtung: ins Rheinhessische. Das war auch vor 50 Jahren nicht anders, als die um ihre AKK genannten rechtsrheinischen Stadtteile Amöneburg, Kostheim und Kastel gebrachte Kommune sich daranmachte, Ersatz zu beschaffen – und mit Drais, Ebersheim, Finthen, Hechtsheim, Laubenheim sowie Marienborn gleich sechs bis dahin unabhängige Nachbarorte eingemeindete. Begeistert waren davon nur die am weitesten außerhalb wohnenden Ebersheimer, die andernfalls früher oder später wohl mit den Nachbarn aus Nieder-Olm zwangsverheiratet worden wären.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Möglich gemacht hat den kräftigen Wachstumsschub, zumeist gegen den erbitterten Widerstand der betroffenen Bürger, eine vom rheinland-pfälzischen Landtag beschlossene und im Sommer 1969 verwirklichte Verwaltungsreform.

          Konversionsprojekte

          Im Fall von Mainz war dabei explizit von einem Ausgleich für den Verlust der auf der anderen Rheinseite gelegenen AKK-Gemeinden die Rede. Also jener drei Vororte, die eigentlich nur treuhänderisch vom hessischen Wiesbaden hätten mitverwaltet werden sollen, dann aber doch zu einem festen Teil der hessischen Landeshauptstadt wurden, so dass sich viele der dort lebenden Bürger noch immer hin- und hergezogen fühlen. Was in der Vergangenheit mehrere am Ende jedoch stets folgenlos gebliebene Befragungen belegt haben.

          Doch ist es nie zu einer offiziellen Ausgemeindung gekommen. Aus Sicht des bis 1987 amtierenden Alt-Oberbürgermeisters, des Verwaltungsjuristen Herman-Hartmut Weyel (SPD), wäre es deswegen eine spannende Frage, was genau passieren würde, wenn Hessen und Rheinland-Pfalz dereinst fusionieren sollten und die das ursprüngliche Mainzer Stadtgebiet zerteilende Landesgrenze somit wegfiele.

          Aktuell bleibt der über eine Fläche von knapp 100 Quadratkilometern sowie 15 Stadtteile mit fast 220 000 Bewohnern verfügenden Landeshauptstadt, die im Jahr etwa 2000 Neubürger unterzubringen hat, allerdings nur, das vorhandene Bauland möglichst gut zu nutzen. Es sind vor allem Konversionsprojekte, wie die Umwandlung des Zollhafens und des früheren IBM-Geländes, die momentan dringend benötigten Wohnraum bringen. Da sich die beiden fusionswilligen Nachbargemeinden Wackernheim und Heidesheim zum 1. Juli der finanziell deutlich besser dastehenden Stadt Ingelheim angeschlossen haben, können die Mainzer – mit Ausnahme vielleicht von Budenheim – auf absehbare Zeit nicht mehr viel Fläche hinzugewinnen.

          Blick auf Umweltschutz und Nahverdichtung

          Immer wieder gab es deshalb Vorschläge, entlang einer der fünf Mainzer Hauptentwicklungsachsen einen zusätzlichen 16. Stadtteil zu schaffen. Die Pläne für den Layenhof, das von einem kleinen Flugplatz geprägte Areal zwischen Finthen und Wackernheim, wurden schon vor Jahren verworfen.

          In Laubheim hat man sich lange gegen die Eingemeindung gewehrt. Bilderstrecke

          Die Mainzer CDU brachte dann einen Stadtteil „Rheinhöhe“ zwischen Hechtsheim und Bodenheim ins Spiel. Mit seiner Idee, an einer bisher nicht näher zu verortenden Stelle rechter Hand der von Hechtsheim nach Ebersheim führenden Rheinhessenstraße einen Ökostadtteil zu schaffen, hat Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) die Diskussion jetzt wieder neu belebt. Jene, die gegen eine fortschreitende Versiegelung von Böden sind, fordern mit Blick den auf Umweltschutz und die für die City wichtigen Kaltluftströme dagegen eine behutsame Nachverdichtung. Manch einer sieht die Chance, vorhandene Stadtteile noch etwas auszubauen.

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