https://www.faz.net/-gzg-860w8

Warum AfD-Mitglieder bleiben : „Immerhin diskutieren wir in der AfD noch“

  • -Aktualisiert am

Erich Heidkamp hat AfD-Mitgliedsnummer 323. Vieles sieht er kritisch, aber eine bessere Partei kennt er nicht. Bild: Fabian Fiechter

AfD-Mitglied Erich Heidkamp ist ein Mann der ersten Stunde. Vieles, was seit der Gründung geschehen ist, sieht er kritisch. Und doch: Er bleibt. Und erklärt, warum.

          2 Min.

          Wer verstehen will, warum Erich Heidkamp trotz der Querelen immer noch in der AfD ist, muss sich anhören, wie er den Austritt von Parteigründer Bernd Lucke findet. „Ich werfe ihm vor, dass er in Essen nicht für seine Ausrichtung der Partei gekämpft hat“, sagt Heidkamp. Der 66 Jahre alte frühere Manager der Hoechst AG kann es nicht leiden, wenn jemand von Bord geht, sobald es schwierig wird. Für ihn kommt das einem Wortbruch gleich. Schließlich waren viele AfD-Mitglieder der ersten Stunde Lucke wegen seiner kritischen Haltung zum Euro wie einem Heilsbringer gefolgt. „Und der schmeißt jetzt einfach hin.“

          Heidkamp war direkt nach dem Gründungsparteitag der AfD in Oberursel Anfang 2013 eingetreten. Mitgliedsnummer: 323. Vieles, was seitdem geschehen ist, sieht er sehr kritisch - auch die Lage im Kreisverband. Nicht nur er. In Frankfurt haben nach dem Parteitag in Essen sowohl der Sprecher als auch Teile des Vorstands die AfD verlassen. Als Gründe nannten sie „das rüpelhafte Verhalten weniger“, das viele gemäßigte Mitglieder vertrieben habe, außerdem die Konzentration auf die Themen Zuwanderung, Integration und Islam.

          Große Probleme, die sonst keiner diskutiert

          Der Kreisverband, sagt Heidkamp, diskutiere viel zu emotional, „nur aus dem Bauch heraus“. Vielen fehle eine rationale Struktur, um Debatten zu führen. Aber immerhin werde in der AfD noch diskutiert, auch über Themen, die andere lieber totschwiegen. „Wir haben in der Gesellschaft unterschwellig große Probleme. Aber wir diskutieren das gar nicht. Ich vermute dahinter ein bisschen Feigheit.“

          Für das größte Problem hält Heidkamp die demographische Entwicklung des Landes. Viele würden immer älter, die Phase der Arbeitsproduktivität werde wegen der langen Ausbildungzeiten immer kürzer, und eine Migration ohne genaue Definition der Vorgaben, nach denen die Zuwanderer bleiben dürften, verschärft seiner Ansicht nach die sozialen Konflikte.

          „Eine gemäßigte Form, sein Unwohlsein zu äußern“

          Wer Heidkamp zuhört, merkt aber auch, dass er Angst davor hat, dass Deutschland, das er als eines der sichersten, sozialsten, rechtssichersten, ausländerfreundlichsten und Europa am stärksten zugewandten Länder bezeichnet, nicht so bleiben könnte, wie es ist. Nicht so bleiben könnte, wie er es seit Jahrzehnten kennt. Vielleicht ist es diese Angst, die die Anhänger der AfD miteinander verbindet. Vielleicht eint sie alle, dass sie wie Heidkamp die Sorge haben, „das Unverbindliche in der Gesellschaft“ könne überhandnehmen.

          Für Heidkamp ist es schon so weit. Überall gelte nicht mehr, was einst vereinbart worden sei. Als Beispiele nennt er den Staat, die Unternehmen, die Universitäten, die Medien und Jean-Claude Juncker, der ihm die Zornesröte ins Gesicht treibt. Heidkamp sagt: „Ich halte die AfD noch für die gemäßigte Form, sein Unwohlsein zu äußern.“ Und: „Wenn es bessere Parteien gäbe, wäre ich woanders.“

          Was Heidkamp von den Medien hält

          Den Medien im Allgemeinen und den Fernsehsendern im Speziellen wirft Heidkamp vor, in Migrationsdebatten immer dann auf AfD-Mitglieder zu halten, „wenn die gerade Schaum vor dem Mund haben“. Die normalen Mitglieder seien nicht geschult im Umgang mit den Medien. Sie könnten sich nicht spontan so differenziert vor einer Kamera äußern, dass sie in einem Satz zwischen Asylbewerbern und Einwanderern unterschieden. „Aber 95 Prozent derjenigen mit Schaum vor dem Mund würden eine syrische Frau mit Kind auf dem Arm vor ihrer Haustür sofort aufnehmen.“

          2013, kurz nach seinem Eintritt in die AfD, hatte Heidkamp gesagt, sein Grundgefühl und das seiner Freunde lasse sich unter der Frage „Was ist noch das Richtige?“ zusammenfassen. Die vergangenen zwei Jahre in der AfD scheinen ihn der Antwort kein bisschen näher gebracht zu haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.