https://www.faz.net/-gzg-9nd1t

Frankfurter Partyviertel : „Veränderung lässt sich nicht verordnen“

Seit 2016 in Alt-Sachsenhausen: Winkler im Lorsbacher Thal; auf der Karte des Lokals stehen gut 100 Apfelweisen. Bild: Wonge Bergmann

Gastronom Frank Winkler über das Image des Frankfurter Partyviertels Alt-Sachsenhausen, das Nebeneinander von gepflegten Lokalen und billigen Bars, und guten Rat, der richtig war.

          Herr Winkler, der Ruf Alt-Sachsenhausens ist schlecht. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den würde ich unterschreiben. Der Ruf ist schlechter, als es hier wirklich ist.

          Was ist in dem Viertel besser als sein Ruf?

          Besser ist, dass der Zusammenhalt vieler im Viertel sehr gut ist. Es ist hier, bis auf zwei Tage in der Woche, absolut ruhig, manchmal sogar zu ruhig, tagsüber. Es wird auch immer schöner hier, Fassaden sind erneuert worden, Häuser renoviert worden. Gleichzeitig ist es nicht einfach, dieses Schönerwerden voranzutreiben.

          Weil unter Schönheit jeder etwas anderes versteht?

          Es ist nicht so wie in der neuen Frankfurter Altstadt mit der Dom-Römer GmbH, wo alles in einer Hand ist, und die gibt die Regeln vor. Hier bei uns haben wir es mit einer sehr vielfältigen Eigentümerstruktur zu tun, mit Hunderten von Leuten. Und die alle zu bewegen, in eine Richtung zu marschieren, ist unglaublich schwer.

          2018 haben Sie, mit anderen Gastronomen und einem Veranstaltungsorganisator, die Initiative ,Altsax neu‘ gegründet. Wo stehen Sie mit Ihren Anliegen heute?

          Wir stehen immer noch am Anfang.

          Als Ihre Initiative vorgestellt wurde, haben Sie als Ziele genannt: für weniger Müll sorgen, dunkle Ecken ausleuchten. Wirte davon überzeugen, statt billigen Fusels ruhig teurere Getränke zu verkaufen, und Hausbesitzer davon, gastronomische Flächen nicht unbedingt an den zu vermieten, der dafür am meisten zahlt. Ist nichts davon erreicht?

          Ich sage es mal so, wie ich es schon in einem anderen Zusammenhang gesagt habe: Die ersten Kilometer eines Marathons sind bewältigt.

          Alt-Sachsenhausen ist in weiten Teilen ein Amüsier- und Partyareal, in dem reichlich Alkohol fließt, auch auf der Straße getrunken wird und vorwiegend junge Leute gerne lärmend durch die Gassen ziehen. Das muss man nicht mögen. Aber auf seine Art und Weise scheint das Viertel ja zu funktionieren, auch mit seinen bürgerlichen Anteilen. Warum wollen Sie überhaupt etwas ändern?

          Man muss natürlich sehr stark differenzieren, was die Lokale betrifft. Es gibt hier wunderbare, junge Konzepte wie das Libertine Lindenberg, es gibt Lokale wie unseres in einem sehr schönen Haus. Es gibt die lange bewährten wie das Frau Rauscher, es gibt die Traditionsgaststätten am Affentorplatz.

          Aber es gibt auch jede Menge Läden, von denen wir eigentlich nicht wissen, was die eigentlich hier wollen und womit die ihr Geld verdienen. Und das sind die Läden, die größtenteils das Publikum anziehen, das dem Viertel nicht wirklich guttut.

          Alt-Sachsenhausen ist ein legendäres Vergnügungsviertel, das einen schlechten Ruf hat.

          Die Shisha-Bars, Balkan-Grills und Ähnliches: Glauben Sie, dass man langfristig sozialen Druck erzeugen kann, der solche Lokale verdrängt?

          Ich habe viele Jahre in der Kommunikationsbranche gearbeitet und auch Kommunalberatung und -entwicklung gemacht. Von daher weiß ich, dass es Veränderungen gibt, die man nicht von oben verordnen kann. Man kann aber tatsächlich, wie Sie sagen, positiven Druck aufbauen. Bezogen auf unsere Initiative heißt das: nicht die ausgrenzen, die nicht mitmachen wollen. Sondern die versuchen zusammenzuziehen, die etwas verändern wollen.

          Welchen Prozentsatz der Lokale in Alt-Sachsenhausen repräsentiert Ihre Initiative inzwischen?

          Ein Viertel bis ein Drittel.

          Ist das jetzt viel oder wenig?

          Sie dürfen nicht vergessen, wie hier die Strukturen sind. Nehmen Sie nur mal unsere Initiative selbst: Die Geschäftsführerin eines jungen, coolen Hotels, ein Gastronom, der hier in Alt-Sachsenhausen acht Läden betreibt, ein Mann, der im Viertel Veranstaltungen macht, und ich mit meiner ganz konservativen Hausmannskost.

          Manchmal ist es schon unter uns nicht einfach, einen Konsens zu finden, jeder hat ja Eigeninteressen. Das Schwierige ist, über diese Eigeninteressen hinaus einen gemeinsamen Willen zu finden und umzusetzen. Es ist schwierig, macht aber Spaß.

          Als Sie das Lorsbacher Thal übernommen haben, wussten Sie da, in welches Umfeld Sie sich begeben? Haben Sie das bewusst gemacht?

          Also, ganz bewusst habe ich das nicht gemacht. Aber ich wusste sehr wohl, in welches Viertel ich mich da hineinwage. Meine Frau und ich waren, bevor wir den Pachtvertrag unterschrieben haben, einmal jeden Tag in dem Viertel, am Montag, am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Steinbach und der Fall Lübcke : „Du trägst Mitschuld an seinem Tod“

          Nach dem Mord an Walter Lübcke hat der frühere CDU-Generalsekretär Peter Tauber seinen Vorwurf gegenüber seiner früheren Parteifreundin Erika Steinbach wiederholt. Steinbach sieht darin eine Diffamierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.