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Kriminelle Familien in Hessen : „Kein gutes Pflaster für Clans“

  • -Aktualisiert am

Razzia gegen arabische Großfamilien in Berlin: Wie groß ist das Gefahrenpotential in Hessen? Bild: dpa

Ob Wiesbaden, Frankfurt oder Offenbach: Anders als Nordrhein-Westfalen und Berlin sind Hessens Städte von kriminellen Familienclans weit weniger betroffen. Woran liegt das?

          „Hessen ist kein gutes Pflaster für kriminelle Familienclans“, sagt Jens Mohrherr, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Hessen. Während die Sicherheitsbehörden vor allem in Nordrhein-Westfalen und Berlin ihren Kampf gegen arabische und türkische Großfamilien intensivieren, ist das in Hessen derzeit kein Thema. 104 Familien mit fast 6500 Tatverdächtigen sollen in den vergangenen zwei Jahren in Nordrhein-Westfalen für mehr als 14.000 Straftaten verantwortlich gewesen sein, hatte der Düsseldorfer Innenminister Herbert Reul (CDU) Mitte Mai mitgeteilt. In Hessen, so die Auskunft des zuständigen Landeskriminalamtes, wurde im Jahr 2017 im Gebiet des Polizeipräsidiums Osthessen bei Fulda eine Straftat begangen, die dem „Phänomen Clankriminalität grundsätzlich zugeordnet“ werden könne. Das war es denn auch schon.

          Für Mohrherr hängt das damit zusammen, dass es in Hessen keine Städte und Ballungszentren – wie etwa in Essen oder Duisburg – gibt, in denen sich kriminell agierende Großfamilien in nennenswerter Zahl angesiedelt haben. Zudem würden das in Wiesbaden ansässige Bundeskriminalamt und auch die jeweiligen Landeskriminalämter sehr genau beobachten, wann und wo sich kriminelle Strukturen entwickelten. Nicht einmal in Frankfurt mit seinem Rotlichtviertel, in dem es durchaus organisierte Kriminalität gebe, sind seiner Einschätzung nach Familienclans aktiv.

          Ganz entspannt ist entsprechend die Einschätzung von Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU). „Die hessischen Sicherheitsbehörden beobachten wachsam die Entwicklung im Bereich der organisierten Kriminalität und tauschen sich regelmäßig mit den Behörden der Länder und des Bundes aus“, sagt er auf Anfrage und ergänzt: „Wir dulden keine rechtsfreien Räume in unserem Land und werden deshalb gegen jegliche Form krimineller Strukturen frühzeitig entschlossen vorgehen.“

          „Wenig Entfaltungsmöglichkeiten“

          Und genau dies entspricht offenbar der Realität, denn ein Sprecher des Hessischen Landeskriminalamtes bestätigt: „Wir haben zwar Großfamilien in Hessen, aber keine kriminellen Clanstrukturen.“ Auf die Frage, warum dies so sei, zumal sich Kriminelle erfahrungsgemäß nicht an Ländergrenzen halten, antwortet er: „Ich glaube, die sehen wenig Entfaltungsmöglichkeiten, denn unsere Polizei ist am Ball. Wir achten ganz genau darauf, ob irgendwo kriminelle Strukturen entstehen, und schreiten frühzeitig ein.“ Gleichwohl räumt der Sprecher ein, dass dies nur einer der Gründe sei, denn in Nordrhein-Westfalen gebe es natürlich Ballungsräume mit einer anderen Bevölkerungsdichte und Zusammensetzung als in Hessen.

          Auch dass in Frankfurt und seinem Rotlichtviertel derzeit keine kriminellen Clanstrukturen erkennbar seien, hängt laut Landeskriminalamt mit der Arbeit der Ermittler zusammen. „Natürlich gibt es dort organisierte Kriminalität, wie etwa die Rocker“, bestätigt der Sprecher. Aber: „Wir haben dort Zivilfahnder und spezielle Einsatzkräfte zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität im Einsatz.“

          Faktisch kaum vorhanden

          Für Mohrherr gibt es ein weiteres klares Indiz, dass die Clankriminalität in Hessen faktisch kaum vorhanden ist. So hätten die Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr im Kampf gegen die Großfamilien rund 77 Millionen Euro an illegalem Vermögen abgeschöpft. Im Jahr davor sollen es sogar etwa 192 Millionen Euro gewesen sein. In Hessen haben die Ermittler 2017 4,3 Millionen Euro an illegal erworbenem Vermögen eingezogen. Die Zahlen für 2018 liegen nach Auskunft des Sprechers des hessischen Justizministeriums noch nicht vor. Zudem schlüsselt das Ministerium nicht auf, ob es sich dabei um Geld handelt, das im Rahmen von Clankriminalität erworben wurde.

          An Spekulationen, dass dies nicht gemacht wird, weil es keinen Anlass dafür gibt, möchte sich der Ministeriumssprecher nicht beteiligen. Für Mohrherr steht indes fest: „Das ist in Nordrhein-Westfalen doch eine ganz andere Hausnummer.“

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