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Coffee-to-go : Pappbecher sind an dieser Tankstelle passé

  • -Aktualisiert am

Doppelte Freude: Jan Seidel hofft, dass sicher der „MainBecher“ nicht nur in seiner Tankstelle durchsetzt. Bild: Wolfgang Eilmes

Für Frankfurt ist Coffee-to-go eine Plage. Über 25 Millionen Becher werden für den Wachmacher für unterwegs jährlich verbraucht und weggeworfen. Ein Pfandsystem soll Abhilfe schaffen.

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          Um acht Uhr morgens ist der Ansturm nicht mehr riesig, aber die Tankstelle ist auch zu dieser Zeit nicht richtig leer. Ständig kommt jemand herein, kauft Brötchen, Cola, Zeitung und natürlich Sprit. Auch ein Kaffee ist bei der Bestellung oft dabei. Wurde er wie bisher in einen Pappbecher gefüllt, landete dieser wahrscheinlich im Müll oder am Straßenrand.

          Die Frankfurter Entsorgungsgesellschaft FES schätzt, dass jährlich 25 Millionen Coffee-to-go-Becher in Frankfurt verwendet werden. Um diese enormen Abfallmengen zu reduzieren, hat die FES im Auftrag der Stadt Mitte September begonnen, ein stadtweites Pfandsystem mit Mehrwegbechern einzuführen. Kunden können inzwischen in mehr als 50 Cafés, Geschäften und Betrieben einen sogenannten MainBecher für drei Euro erwerben, ihn dann wie jeden anderen Kaffeebecher auch befüllen lassen, um ihn später in irgendeinem der anderen Cafés wieder gegen eine Pfandmarke zurückzugeben. Diese kann dann wieder eingesetzt werden, um anderswo das heiße Getränk umweltfreundlich zu erwerben.

          100 bis 120 Portionen Kaffee am Tag

          Auch Jan Seidel, Pächter der Aral-Tankstellen an der Friedberger Landstraße, nimmt an dem MainBecher-Pfandsystem teil. Die ersten 50 Becher gingen laut Seidel ohne Probleme weg. Die nächsten 50 brauchten nun länger. „Man muss das System vielen erklären“, sagt er, aber die Zeit müsse man sich nehmen. Und er wirbt für den Mehrwegbecher: Der erste Kaffee im MainBecher kostet in seinen Tankstellen nur 99 Cent, danach bietet er zehn Cent Rabatt auf den Normalpreis für einen Kaffee an. Damit will Seidel Kunden zum Pfandsystem locken. Schließlich verkauft er 100 bis 120 Portionen Kaffee am Tag. Gerade Stammkunden spricht Seidel gezielt auf das neue Mehrwegsystem an.

          Und Stammgäste gibt es an seiner Tankstelle viele. Die einen kommen in gelben und orangefarbenen Warnwesten, andere im Anzug, wieder andere in Jogginghosen. Bei manchen wissen die Verkäufer schon die Kaffeebestellung, ohne dass der Gast etwas sagen muss. Viele sind auch per du. „Ich wünsch dir schon einmal einen schönen Urlaub!“, verabschiedet sich eine Mitarbeiterin Seidels von einer Kundin.

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          Der Weg der gelben Tonne : Deutschland, Recyclingland? Bild: Reuters

          Einer dieser Stammgäste ist ein Arbeiter in gelber Weste. Er kommt fast jeden Tag. Seit vier Uhr morgens ist der Mann auf den Beinen, inzwischen ist der Kaffee, den er sich von zu Hause mitgenommen hat, aufgebraucht. An der Tankstelle holt er sich Nachschub im Pappbecher. „Für die Zukunft ist das nicht sehr förderlich“, gibt er zu und gesteht: „Da gibt es noch großen Nachholbedarf.“ Trotzdem verwendet er täglich mindestens einen Coffee-to-go-Becher.

          „Wenn man sie darauf anspricht, sagen alle, dass das Mehrwegsystem eine tolle Sache ist“, sagt Seidel. Aber am Ende hofften sie, dass es andere machten. Ausreden gebe es viele. Die einen befürchten, dass der Becher, der hauptsächlich aus Baumharz gefertigt wird, nicht geschmacksneutral ist, versuchen es aber gar nicht erst. Andere sagen, dass die Pappbecher hygienischer seien. Dabei werden die MainBecher in der Tankstelle eigens in einer Gastro-Spülmaschine gespült. Wenn das nicht hygienisch wäre, „dann dürfte ich in keinem Restaurant den Teller verwenden“, sagt Seidel.

          „Es braucht noch Zeit“

          Seit Einführung des MainBechers hat der Tankstellenpächter noch keinen wesentlichen Unterschied in der Zahl der verkauften Pappbecher festgestellt. Trotzdem meint er, eine Veränderung in der Einstellung seiner Kunden zu spüren. „Im Verhältnis zu vor einem Jahr hat sich schon viel getan“, sagt Seidel. Langsam käme die Problematik mit Einwegbechern im Bewusstsein der Leute an. Diana Schick, die heute an der Kasse steht, kann das bestätigen. Vor allem frühmorgens zwischen 6 und 7 Uhr kämen viele Leute mit eigenem Becher oder Pfandmarke. „Man muss das erst einmal erklären“, sagt sie, „aber auch Bauarbeiter bringen inzwischen ihren eigenen Becher mit.“

          Ein Kunde, der sich gerade einen Kaffee im To-go-Becher gekauft hat, steht am Tisch in der Tankstelle und verschließt ihn mit einem Plastikdeckel. Nein, Mehrwegbecher finde er komisch. „Da muss man so viel tragen“, sagt er. Es sei ihm lieber so, das Leben mit Einwegsystem. Dann schaut er auf sein Handy und schreibt Textnachrichten, während er seinen Kaffee zu sich nimmt. Er trinkt ihn noch in der Tankstelle aus und schmeißt den Pappbecher samt Holzstäbchen zum Umrühren und Plastikdeckel weg, bevor er geht.

          „Es braucht noch Zeit“, sagt Seidel. Aber er ist zuversichtlich, dass die Einsicht bei seinen Kunden wächst, auf die Pappbecher zu verzichten. Der Tankstellenpächter will seinen Beitrag leisten. Ein Verbot von Einwegbechern lehnt er ab. Das anfangs von einer privaten Initiative begonnene und nun von Umweltdezernat und FES stadtweit eingeführte Pfandsystem mit Mehrwegbechern, das auf Freiwilligkeit der Verbraucher setzt, sei der richtige Weg. „Wir retten damit nicht die Welt“, sagt Seidel, „aber jeder Pappbecher, den wir weniger herausgeben, ist ein Erfolg.“

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