https://www.faz.net/-gzg-9o0yj

DLRG mahnt : Viele Grundschüler schwimmen nicht sicher

  • -Aktualisiert am

Die DLRG ist in Hessen der größte Anbieter von Schwimmkursen für Kinder. (Symbolbild) Bild: dpa

Der hessische Landesverband der Deutschen Lebens-Rettungs- Gesellschaft fordert, keine weiteren Bäder zu schließen. Warum er die Landesregierung für ihr neues Förderprogramm lobt.

          Fast zwei Drittel aller hessischen Schüler können auch nach vier Jahren Grundschulbesuch nicht sicher schwimmen. Das sagt der Präsident des hessischen Landesverbandes der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), Michael Hohmann. Seiner Einschätzung nach hält dieser bedenkliche Trend weiter an, denn 60 Prozent aller Kinder in Deutschland haben laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 nicht das Jugendschwimmabzeichen Bronze erworben, das als Nachweis für sicheres Schwimmen gilt. „Wir haben das auf die Bundesländer heruntergebrochen. Die Zahlen gelten genauso für Hessen“, stellt der Präsident klar und fordert, dass keine weiteren Bäder mehr geschlossen werden, damit die Schulen und der DLRG überall in der Lage sind, Schwimmunterricht anzubieten. In Hessen gibt es derzeit 365 Hallen- und Freibäder.

          Ob Kinder gut schwimmen können, hängt laut Hohmann stark von ihrem Wohnort ab. „In einem Ballungsraum wie dem Rhein-Main-Gebiet gibt es sehr viele Bäder. Im ländlichen Raum gibt es Landkreise, die nur noch über zwei Hallenbäder verfügen“, sagt er. Der DLRG ist in Hessen der größte Anbieter von Schwimmkursen. „Für uns besteht jedoch das Problem, dass wir nicht immer ausbilden können, weil Bäder geschlossen wurden“, schildert Hohmann die Lage und ergänzt: „Dann können auch die Schulen ihrem Auftrag, den Kindern das Schwimmen beizubringen, nur schwer nachkommen. Das ist die Crux.“

          Land will Bäder erhalten

          Kritik an der Landesregierung äußert der DLRG-Präsident nicht, im Gegenteil. „Hessen hat das Schwimmbad-Investitionsprogramm ,Swim‘ aufgelegt, und es flossen bereits Millionenbeträge an die Kommunen, um die Bäder zu erhalten. Das ist super, das gibt es nach unserer Kenntnis bisher in keinem anderen Bundesland“, erläutert Hohmann, schränkt jedoch ein: „Nichtsdestotrotz haben wir Bäder, die bereits zu sind und nicht mehr saniert werden. Dort kann nicht mehr ausgebildet werden.“

          In der Tat hat die hessische Landesregierung viel Geld in die Hand genommen, um den Städten und Gemeinden beim Erhalt der Bäder zu helfen. Von 2007 bis 2012 wurden Hallenbäder mit Hilfe eines Sonderzuschusses in Höhe von 50 Millionen Euro gefördert. Das Investitionsprogramm mit dem sinnstiftenden Namen „Hai“ förderte insgesamt 105 Projekte, von denen jedes im Schnitt 430.000 Euro erhielt, teilt das für Sport zuständige Innenministerium mit. Für dieses Jahr hat die Landesregierung ein neues Programm aufgelegt, das den Namen „Swim“ trägt. Bis 2023 stehen ein weiteres Mal 50 Millionen Euro zur Verfügung, die für Investitions- und Modernisierungsmaßnahmen genutzt werden sollen.

          DLRG sieht Eltern in der Pflicht

          Laut Ministerium wurden bereits mehr als 100 Projekte angemeldet, und für 77 soll es noch in diesem Jahr Geld geben. „Das Swim-Programm stellt einen herausragenden Beitrag zum Erhalt der hessischen Bäderlandschaft dar“, teilt Sportminister Peter Beuth (CDU) auf Anfrage mit und fügt an: „Die Landesregierung unterstreicht durch die Neuauflage eines Schwimmbadprogramms, dass sie die Bedeutung der Bäder sowohl für den ländlichen Raum als auch für den Schwimmsport würdigt.“

          Sanierte Bäder benötigten die Retter aber auch noch aus einem ganz anderen Grund: 90 Prozent aller hessischen Frei- und Hallenbäder werden von den Mitgliedern der DLRG genutzt, um sich aus- und fortzubilden. Ohne diese Bäder wäre das nicht mehr möglich, macht Hohmann klar. Für den Präsidenten sind aber auch die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern das Schwimmen beizubringen. Dass dies nicht immer geschieht, hängt seiner Einschätzung nach mit dem geänderten Freizeitverhalten der Kinder zusammen. Für manche Kinder sei es aber auch nicht möglich, regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen, weil ihnen das Geld für den Eintritt fehle.

          Gefahrenstelle: Badesee

          Das kann fatale Folgen haben. „Vergangenes Jahr erlebten wir den erschreckenden Trend, dass sich die Zahl der tödlichen Badeunfälle in Hessen nahezu verdoppelt hat“, sagte Hohmann. 35 Personen waren bis Mitte September 2018 im Wasser ums Leben gekommen. Das lag laut Hohmann auch an der anhaltenden Hitzeperiode im vergangenen Sommer. Hinzu komme, dass bei warmem Wetter viele Menschen in Flüssen und Seen schwimmen gingen. Dort aber geschähen die meisten Badeunfälle. „Der Anteil ertrunkener Menschen in Frei- oder Hallenbädern ist sehr gering“, stellte der 46 Jahre alte Hohmann klar.

          Als Gründe nannte der DLRG-Präsident, dass Seen im Regelfall eine viel größere Schwimmfläche als Bäder bieten. Wen die Kräfte verließen, der könne nicht schnell an den Beckenrand schwimmen, um sich dort festzuhalten. Zudem drohe die Gefahr, dass unterschiedliche Wassertemperaturen dem Kreislauf zu schaffen machten, und auch in Seen gebe es ähnlich gefährliche Strömungen wie in den Flüssen. „Wenn Sie etwa im Rhein angesaugt werden und sich falsch verhalten, dann kommt auch noch Angst hinzu“, so Hohmann. Er rät, nicht gegen die Strömung zu schwimmen: „Den Kampf kann niemand gewinnen.“

          Auch dieses Jahr gab es seiner Auskunft nach schon die ersten tödlichen Badeunfälle in Hessen. Im Frankfurter Stadtteil Fechenheim stürzte Ende Mai ein sechs Jahre altes Mädchen in den Main und starb. „Unsere Leute waren bei der Rettung dabei und haben das Kind auch noch einmal wiederbeleben können, es ist dann leider im Krankenhaus gestorben“, schildert er den Einsatz, der für die Retter nicht einfach war.

          Zur beginnenden Badesaison rät Hohmann Schwimmern, nur an bewachten Badestellen ins Wasser zu gehen. Der DLRG betreibt 91 Wasserrettungsstationen an Hessens Seen. Wenn das nicht möglich ist, sollten Schwimmer zusammen und nicht alleine baden. „Wo Schiffsverkehr, wo Buhnen, Wehre und Schleusen sind, da ist es lebensgefährlich. Da geht man nicht schwimmen“, stellt er klar. Zudem sei es keine schlechte Idee, zu Beginn der heißen Jahreszeit das Schwimmen zu trainieren. Im Winter mache man ja auch Gymnastik, bevor es zum Skifahren gehe.

          Weitere Themen

          Große Aufregung bei der Schwimm-WM

          Protest von unten : Große Aufregung bei der Schwimm-WM

          Der vom Weltverband protegierte Chinese Sun Yang wird wieder Weltmeister. Doch der starke, stumme Protest des Australiers Horton spricht Bände über die Lage im Schwimmen. Er wird in die Geschichte eingehen.

          Topmeldungen

          Der radikale Konzernumbau der Deutschen Bank führt zu Milliardenverlusten im zweiten Quartal 2019.

          In drei Monaten : Die Deutsche Bank macht 3,1 Milliarden Euro Verlust

          Das größte und wichtigste deutsche Kreditinstitut will und muss sich radikal verändern. Die Belastungen durch den Umbau des Konzerns führen zu tiefroten Zahlen. Besonders betroffen ist die einst bedeutendste und berüchtigtste Sparte des Unternehmens.

          Anhörung von Robert Mueller : Der unfreiwillige Zeuge

          Ende März präsentierte Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht zur möglichen Wahlkampf-Affäre Trumps aus dem Jahr 2016. Jetzt muss er dazu im Kongress aussagen. Donald Trump spielt den Termin herunter, als sei es eine reine Formalität.

          Amerikas Verteidigungsminister : Ein Mann der Truppe

          Mark Esper ist mit überwältigender Mehrheit im Amt des amerikanischen Verteidigungsministers bestätigt worden. Die Gegenstimmen kamen im Senat vor allem von demokratischen Wahlkämpfern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.