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Demonstrationen in Frankfurt : Protest ist echt nur auf der Straße

Verlassen den virtuellen Raum: Schüler demonstrieren in Frankfurt. Bild: dpa

Das Internet ist längst Schauplatz erbitterter ideologischer Auseinandersetzungen. Doch die Öffentlichkeit, die auf Straßen und Plätzen hergestellt wird, ist wohl nicht zu ersetzen.

          Abgetaucht im Netz, verschanzt im abgedunkelten Kinderzimmer, zur Kommunikation allenfalls per Smartphone bereit: Kein Wunder, dass viele Eltern, deren Sprösslinge die von der Politik geforderte Digitalisierung längst vollzogen haben, sie zum Demonstrieren ermuntern. Damit sie einmal an die frische Luft kommen. Mit realen Menschen richtige Gespräche führen. Etwas mit ihren Klassenkameraden unternehmen, die sich sonst sofort nach dem Unterricht auf ihre elektronischen Spielplätze begeben. Und kann es einen besseren Grund geben, freitags die Schule zu schwänzen, als die Rettung des Planeten?

          So viel Ermunterung, auf Mathe und Deutsch zu pfeifen, hat noch nie eine Schülergeneration erlebt. Einst hätten es sich jugendliche Streiter für eine Verbesserung der Welt auch verbeten, dass ihre Erzeuger oder gar Politiker ihnen Zuspruch spenden. Verkehrte Welt. Auch im Fall des Protests gegen die Änderung des Urheberrechts. Wikipedia war vorgestern offline, um gegen eine drohende Einschränkung bei der Nutzung von Quellen im Internet Flagge zu zeigen. Eine einleuchtende Aktion im betroffenen Medium. Am Samstag aber verlassen die User den virtuellen Raum und ziehen durch Frankfurt: Die Organisation „Rettet das Internet“ hat aufgerufen, gegen den Einsatz von Uploadfiltern das Haupt zu erheben. „Youtube“ darf nicht untergehen: Dafür kann man sich auch einmal in die wirkliche Wirklichkeit trauen.

          Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen

          Es ist nicht die einzige Großdemonstration, die für Samstag angekündigt ist. „Gegen den Rechtsruck in Staat und Gesellschaft“ wird auch protestiert. Auf dieser Veranstaltung sind ebenso wie bei zwei Demonstrationszügen anlässlich des kurdischen Neujahrsfests vor allem routinierte Teilnehmer zu erwarten. Es geht um Sichtbarkeit. Um Präsenz. Gewiss ist das Internet längst Schauplatz erbitterter ideologischer Auseinandersetzungen geworden. Doch die Öffentlichkeit, die auf Straßen und Plätzen hergestellt wird, wenn Tausende ihre Meinung mit so altertümlichen Mitteln wie handgemalten Transparenten und krächzenden Megaphonen kundtun, ist wohl nicht zu ersetzen. Erst recht nicht im Frühling.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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