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Andentiere in Südhessen : Warum Alpakas beim Stressabbau helfen

  • -Aktualisiert am

Regine Jacobi mit Alpaka Shorty im Arm und weiteren Vertreter ihrer Boygroup: Eingesetzt werden die gutmütigen Neuwelt-Kamele auch als Therapietiere. Bild: Wonge Bergmann

Eigentlich stammen die kleinen Kamele aus den Anden. Mittlerweile findet man sie auch diesseits des Atlantiks. Der Kontakt mit den Tieren macht nicht nur Spaß – sondern ist auch gesund.

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          Wenn es das Wort „niedlich“ nicht schon gäbe, müsste es erfunden werden – treffender ließen sich Alpakas sonst kaum beschreiben: Braune Knopfaugen, die mit leichtem Silberblick unter einer punkigen Fellfrisur hervorblitzen, ein im Verhältnis zum Körper recht langer Hals, kurze, stämmige Beinchen und ein Gesichtsausdruck mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln, als ob sie permanent lächeln würden, lösen schon beim bloßen Betrachten der Tiere Begeisterung aus. Oder, wie Petra Nothnagel-Kölsch es ausdrückt: „Wären sie noch niedlicher, würden sie Zucker pupsen.“

          Im Darmstädter Stadtteil Arheilgen, am Rande des Gewerbegebiets, kümmert sich Nothnagel-Kölsch auf dem Hof von „Luna Alpakas“ um 13 dieser zu den Neuweltkamelen gehörenden Paarhufer. Die zwei Stuten und elf „Jungs“, wie sie die Truppe nennt, sind für sie jedoch nicht nur Freizeittiere zum Kuscheln, deren weiche Wolle sich praktischerweise zu Mützen und Schals verarbeiten lässt. „Alpakas haben eine ganz besondere Ausstrahlung und begeistern auch Menschen, die sonst keinen Bezug zu Tieren haben“, erläutert Nothnagel-Kölsch, während sie dem kleinen Shorty über den langen Hals streichelt. Der Kontakt zu Alpakas helfe beim Stressabbau und wirke beruhigend. Das sanfte Wesen der Tiere werde deswegen oft therapeutisch genutzt.

          Alpakas bis ans Krankenbett

          Bevor die Corona-Pandemie den Arheilger Alpaka-Alltag durcheinanderbrachte, waren auch Nothnagel-Kölsch und ihre „Jungs“ unter anderem in Altenheimen zu Gast, um dort für Abwechslung zu sorgen. „Dabei sind uns manche Begegnungen ziemlich nahegegangen“, erzählt die gelernte tiermedizinische Assistentin. So hätten sie einmal eine ältere Dame besucht, die seit acht Monaten im Heim lebte und sich dort sehr zurückgezogen habe. „Sie hat nicht mal mehr gelächelt.“ Bei der Begegnung mit dem zutraulichen Shorty aber sei sie aufgetaut und habe sogar richtig gelacht. „Das war so bewegend, da hatte selbst die Mitarbeiterin des Heims Tränen in den Augen.“

          Alpakas, die im Schnitt über ein Stockmaß von etwa einem Meter verfügen und trotz ihrer Kamelverwandtschaft nicht streng riechen, ließen sich bei Bedarf sogar bis ans Krankenbett führen. „Außerdem sind sie stubenrein“, erläutert Nothnagel-Kölsch. Denn grundsätzlich „machten“ die Tiere nur auf eine bestimmte Stelle – dort, wo sich auch die anderen Alpakas ihrer Herde erleichterten. „Wie auf einer großen Toilette.“ Außerdem seien allergische Reaktionen auf Alpakas selten, weshalb der Kontakt auch empfindlichen Menschen möglich sei.

          Therapie mit Alpakas

          Der beigefarbene Shorty und sein weißbewollter Kumpel Samuel seien als „Therapietiere“ besonders geeignet. Begleitet werden sie von einer Erzieherin, die eine Zusatzausbildung in tiergestützter Pädagogik absolviert habe. „Geeignet ist der Tierkontakt etwa für Mobbing-Opfer, Menschen mit Behinderungen, Depressionen oder ADHS“, sagt Nothnagel-Kölsch.

          Sie selbst kam durch ihre Freundin Regine Jacobi, die wie sie begeisterte Pferde- und Reitsportanhängerin ist, aufs Kamel. Jacobi, Besitzerin des Luna-Alpaka-Hofs, „fand Alpakas toll, seit sie vor 50 Jahren welche in einem Zirkus gesehen hatte“, erzählt Nothnagel-Kölsch. „Und irgendwann kam sie dann mit der Idee, welche anschaffen zu wollen.“ Nothnagel-Kölsch ließ sich überreden und begleitete die Freundin zu einem Züchter. Dort erstand Jacobi die ersten drei Tiere. Sechs Jahre ist das inzwischen her. „Und damals haben alle gelacht“, erinnert sich Nothnagel-Kölsch. Mit Alpakas könne man doch gar nichts anfangen, hieß es.

          Neugierig: Die Alpakas begrüßen die Besucher auf dem Hof von Regine Jacobi. Bilderstrecke

          Das aber schmälerte die Begeisterung der Frauen für die kleinen Kamele nicht. Keine sechs Monate später kamen zwei weitere hinzu. Und schließlich erlag auch der Rest der Welt dem Charme der Andentiere, wie Nothnagel-Kölsch sagt. Die Paarhufer wurden zum Trendtier, ihre Bilder zierten T-Shirts und Tassen, Frühstücksbrettchen und Schulblöcke. Irgendwann gab es sogar Christbaumschmuck in Alpaka-Form. „Und plötzlich wollten immer mehr Menschen echte Alpakas aus der Nähe sehen.“

          Mit Alpaka-Wanderungen, die je nach Ausdauer zwei oder drei Stunden dauern, Angeboten wie Single- und Kräutertouren, Ausflügen, bei denen schweigend gelaufen wird, und einer „offenen Stalltür“ für ein erstes Kennenlernen trafen Jacobi und Nothnagel-Kölsch den Nerv der Zeit. „Was wir auch angeboten haben, es war sofort ausgebucht.“ Doch dann kam Corona, und die Tierausflüge fielen aus, denn Shorty, Kurt, Bolito, Roxana und die anderen Alpakas mussten auf Besuch verzichten. Erst seit einigen Wochen läuft der Alltag wieder an. „Natürlich unter Corona-Regeln“, sagt Nothnagel-Kölsch. Das heißt: kleinere Gruppen bei den Wanderungen, Maskenpflicht auf dem Hof und Besuche nur nach vorheriger Anmeldung. „Früher sind wir bei der offenen Stalltür aus allen Nähten geplatzt, das geht jetzt nicht mehr.“ Stattdessen bietet der Hof nun Weidebesuche und Tierpatenschaften an. Denn auch jetzt, in unsicheren, für viele Menschen stressigen Zeiten, sei der Kontakt zu den Tieren begehrt. „Zum Entspannen, Abschalten, Seele-baumeln-Lassen“, sagt Nothnagel-Kölsch. Oder weil Alpakas einfach nur so niedlich sind.

          Weitere Informationen gibt es unter www.luna-alpakas-darmstadt.de.

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