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Warnstreik in Frankfurt : Ausnahmezustand in der Pendlerhauptstadt

Langer Marsch: Statt mit U-Bahn oder S-Bahn zu fahren, eilten während des Warnstreiks viele Pendler zu Fuß vom Frankfurter Hauptbahnhof in die City. Bild: Michael Braunschädel

Wer heute in die Frankfurter Innenstadt wollte, ging am besten zu Fuß oder nahm das Rad. Die Bevölkerung nahm den Warnstreik im Nahverkehr recht gelassen auf.

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          Streik? Manch einer hatte vorher nichts davon gehört und ist heute dementsprechend überrascht gewesen, dass in Frankfurt keine U-Bahn und keine Straßenbahn fuhr. „Wie komme ich jetzt zum Hauptbahnhof?“, fragte ein irritierter Kanadier, der erst am Bahnsteig der Station Konstablerwache merkte, dass in der Innenstadt die öffentlichen Verkehrsmittel weitgehend stillstanden. Er lebe seit einigen Monaten in Frankfurt, doch er informiere sich nur über englische Internetseiten, berichtete der Mann: „Jetzt werde ich hin und wieder eine deutsche Zeitung lesen“, nahm er sich vor und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Hauptbahnhof.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Hätte der Kanadier die Nachricht auf der Anzeigetafel in der B-Ebene der Konstablerwache gelesen, hätte er in drei Sätzen das Wesentliche erfahren: „Die VGF wird bestreikt. Keine Fahrten von U- und Straßenbahnen. Die Busse sind vom Streik ausgenommen.“ Doch auch alteingesessene Frankfurter waren gar nicht oder nur vage informiert. „Ich dachte, nur die S-Bahnen streiken“, sagte ein älterer Herr, der einen Termin in der Uni-Klinik hatte. „Entweder Sie gehen zu Fuß oder Sie nehmen ein Taxi“, beschied ihm ein Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaft, der nicht streikte, sondern im Auftrag des städtischen Unternehmens an der Konstablerwache gestrandete Fahrgäste beriet.

          Aus einem guten Grund

          Wie komme ich wohin? Das ist am Tag des Warnstreiks im Frankfurter Nahverkehr die meistgestellte Frage. Im Hauptbahnhof versuchten Mitarbeiter der Bahn und des Rhein-Main-Verkehrsverbundes umherirrenden Fahrgästen einen Weg zu ihrem Ziel zu weisen. „Entschuldigung, ich muss nach Enkheim ins Hessencenter“, spricht eine junge Frau einen Mitarbeiter des RMV-Serviceteams in der Bahnhofshalle am Abgang zur S-Bahn an. Der hat einen überraschenden Tipp: „Mit der S6 nach Bad Vilbel. Dann in den Bus 551 zum Hessencenter umsteigen.“ Auf diese Lösung muss man erst einmal kommen. Die Gewerkschaften, die zur Zeit über einen neuen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst verhandeln, haben aus gutem Grund zu einem Warnstreik in Frankfurt aufgerufen.

          Denn hier, in der Pendlerhauptstadt Deutschland, ist die Verkehrssituation derzeit zusätzlich dadurch angespannt, dass wegen der Sperrung des S-Bahn-Tunnels auch die eigentlich nicht bestreikten S-Bahn-Züge die Innenstadt bis zum 9. April nicht anfahren können. Das verschärfte die Not der Fahrgäste und indirekt den Druck auf die Arbeitgeber, bald eine Lösung im Tarifstreit zu finden.

          Zu Fuß auf den Weg

          Weil die S-Bahn-Fahrgäste wegen der Arbeitsniederlegung nicht auf die U-Bahnen und Straßenbahnen ausweichen konnten, haben sich viele vom Hauptbahnhof aus zu Fuß auf den Weg gemacht. Ein langer Zug von Menschen bewegte sich die Kaiserstraße hoch in Richtung Innenstadt. So viel Körperertüchtigung vor der Schreibtischarbeit in den Banken und Verwaltungen findet an normalen Tagen wohl nicht statt. Finstere Gesichter sah man in der Fußgängermasse eher nicht. Viele erlebten den morgendlichen Spaziergang als ein kleines Abenteuer. Sogar das Wetter spielte an diesem Streiktag, für den eigentlich Regen angekündigt war, einigermaßen mit: Es blieb halbwegs trocken.

          Das hat auch die Fahrradfahrer gefreut, die gestern in großer Zahl unterwegs waren. Der Anlagenring verwandelte sich zeitweise zu einer Radmeile, die Fußgänger dort mussten höllisch aufpassen, dass sie nicht unter die Räder kamen. Zum ersten Mal in diesem Jahr haben die Mietrad-Unternehmen ein gutes Geschäft gemacht. Die Armada von Fahrrädern, die bisher eher herumstand, wurde von Hunderten von Nutzern in Bewegung gesetzt.

          Auch die Taxifahrer machten heute ein gutes Geschäft. Vor dem Hauptbahnhof hatte sich eine lange Schlange von Reisenden gebildet, die auf ein Fahrzeug warteten. Der Bussteig vor dem Hauptbahnhof war ebenfalls stark frequentiert.„Wir könnten jetzt eigentlich fünf Euro pro Fahrt verlangen“, scherzte ein Fahrer, dem sie den Bus einrannten. Die Busse waren in Frankfurt die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel, die regulär fuhren. In Frankfurt wurde gestern auch die Müllabfuhr bestreikt, in Wiesbaden standen alle kommunalen Busse still.

          Ein paar hundert Meter weiter im Depot der VGF stand ein gutes Dutzend Straßenbahnen. Ohne Fahrer. Diese hatten sich vor ihren Fahrzeugen oder im Streiklokal im Innern des Depotgebäudes versammelt. Gerade einmal 1911 Euro verdiene ein Fahrer nach einer Neueinstellung, berichtet Holger Abt von der Nahverkehrsgewerkschaft: „Damit können Sie in Frankfurt keine Familie ernähren.“ Mancher junge Kollege müsse beim Amt Zuschuss beantragen. Die Arbeit eines Fahrers sei eigentlich schön. Das Schlimme seien die Schichten: „Das geht auf die Knochen.“

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