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Warmer April : „Die Natur ist explodiert wie noch nie“

Vergängliche Pracht: An der Zeppelinallee neben dem Palmengarten blühen die Kastanien in Rot und Weiß. Bild: Helmut Fricke

Der April war im Rhein-Main-Gebiet fünf Grad wärmer als im Durchschnitt. Viel Sonnenschein, Wind und starkes Pflanzenwachstum haben die Böden ausgetrocknet. Schon wird vor Waldbränden gewarnt.

          Kaum haben die Kastanien ihre Blätter ausgetrieben, da blühen sie auch schon und sehen nach dem starken Wind Anfang dieser Woche etwas gerupft aus. Die Hauptblüte scheint fast vorbei zu sein. Dabei ist es an der Zeppelin- und Miquelallee in Höhe des Palmengartens, aber auch an der Bockenheimer Landstraße besonders schön, wenn die Kastanien weiß und rot blühen. „Ganz prächtig sieht es dann auch an der Pfaffenwiese aus“, sagt Bernd Roser vom Grünflächenamt, denn an der Straße zwischen Höchst und Zeilsheim stehen die Kastanien dicht an dicht.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Dass praktisch alles so schnell und auf einen Schlag blüht“, das habe er in den Jahrzehnten, in denen er beim Deutschen Wetterdienst arbeite, noch nicht erlebt, sagt der 63 Jahre alte Agrarmeteorologe Hans Helmut Schmitt. Die Natur habe sich im vergangenen Monat förmlich überschlagen. Das Jahr habe noch völlig normal begonnen: Im Januar und Februar habe es viel geregnet. Der März sei viel zu kalt und regenarm gewesen.

          Fünf Grad wärmer als im Durchschnitt

          Und dann sei der fast heiße April gefolgt. Es sei im Rhein-Main-Gebiet fünf Grad wärmer gewesen als im Durchschnitt. Die Temperaturen entsprächen denen eines Junis, so Schmitt. „Wir sind binnen kürzester Zeit von Winter zu Sommer gesprungen. Die Pflanzenentwicklung ist explodiert.“ Blütenstaub habe sich in einer Menge gebildet, wie er es auch noch nie gesehen habe.

          Schmitt fürchtet, dass dieses Tempo den Bienen Probleme bereitet und daher die Bestäubung der Pflanzen gelitten hat. Denn bevor die Bienen „so richtig in Laune und Schwung gewesen sind“, seien viele Pflanzen schon verblüht gewesen.

          Viel Staub in der Luft

          Die Folge dieser Blütenexplosion sei überall sichtbar: Dicker Pollenstaub liege auf Autos, Straßen und Fenstern. Denn zu allem Überfluss blühten in diesem Jahr die Fichten sehr stark, die nur alle vier bis sieben Jahre Blüten ausbildeten. „Den ganzen gelben Staub, den Sie insbesondere auf den Autodächern finden, der stammt im Wesentlichen von Fichten“, erklärt Schmitt. „Es ist unvorstellbar viel Staub in der Luft.“ Dagegen würde Regen helfen. Doch der ist nicht in Sicht. Zumindest nicht bis Mitte nächster Woche.

          Die Kombination aus Sonnenschein – am Wochenende soll es im Rhein-Main-Gebiet wieder 25 Grad warm werden –, dem starken Wind in den vergangenen Tagen und dem extremen Pflanzenwachstum habe dafür gesorgt, dass die obersten Schichten des Bodens nun sehr trocken seien. „Es gibt eine Waldbrandgefahr im Rhein-Main-Gebiet“, sagt Schmitt. Gemeldet würden die Gefahrenstufen drei bis vier, die höchste Warnstufe sei fünf.

          Hobbygärtner sollten ihr Gemüse wässern

          Die Trockenheit schade den frisch im Frühling eingesäten Nutzpflanzen wie Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln, aber auch Erbsen, Bohnen und Soja. Auch die Hobbygärtner müssten ihr gerade in den Boden gebrachtes Gemüse wässern, „und zwar richtig, statt an jedem Tag ein bisschen“, rät der Meteorologe.

          Den Bäumen mache die derzeitige Witterung nichts aus, mit ihren Wurzeln reichten sie dorthin, wo sich immer noch ausreichend Wasser befinde. Und so haben die Kastanien unter dem Frühlingssommer nicht zu leiden. Sie werden allerdings noch immer von der Miniermotte heimgesucht, auch wenn sich laut Roser das Problem in den vergangenen Jahren nicht verschärft hat. Die Motte, die dafür sorgt, dass die Kastanien schon im Sommer ihr Laub abwerfen, „die werden wir nicht mehr los“.

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