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Wanderarbeiter in Frankfurt : „Die Probleme der Neandertaler“

  • -Aktualisiert am

Eine Bleibe, kein Zuhause: Arbeiterwohnheim in Frankfurt-Griesheim. Bild: Max Kesberger

Rumänische Wanderarbeiter bauen in Frankfurt Hotels, Banken und Universitäten. Zu Hause fühlen sie sich hier aber nicht. Zu viele leere Versprechen, sagen sie. Ein Besuch in einem Wohnheim.

          Das Neandertal liegt in Frankfurt-Griesheim. An der Ecke, an der die S-Bahn von Wiesbaden unter der A5 durchbraust. Das Neandertal ist mit Maschendrahtzaun und Bäumen abgezirkelt von der Nachbarschaft und trotzdem nur einen Steinwurf weit von ihr entfernt – wie die Risse in den äußeren Scheiben der Doppelglasfenster beweisen.

          Hinter den Scheiben ist die Luft warm und dicht. Ihren markanten Geruch erhält sie von Männerschweiß, trocknender Unterwäsche und dem Abendessen, das vor einigen Stunden auf den Gaskochern in der Küche zubereitet wurde. Vier Männern ruhen auf den Betten. Es ist 21 Uhr. Tagsüber haben sie auf den Baustellen der Region als Einschaler, Maurer oder Zimmerleute gearbeitet. Morgen früh um 5 Uhr wird der erste von ihnen schon aus dem Haus sein.

          Wieso Neandertal?

          Ein Handy klingelt. Mihai Balan, Organisationssekretär des Europäischen Vereins für Wanderarbeiterfragen, sagt, er komme gleich vorbei. Fünf Minuten später steht er im Zimmer. „Willkommen im Neandertal!“, sagt einer der Männer auf Rumänisch. Er ist breit gebaut, über 40 Jahre alt und könnte Dumitru heißen. Und weil sein Name nicht in der Zeitung auftauchen darf, soll er auch so genannt werden.

          Wieso Neandertal, Dumitru? „Schau doch, wie es hier aussieht!“ Ein Raum von vielleicht 20 Quadratmetern ist mit vier Betten, vier Doppeltür-Schränken, zwei wuchtigen Kühlschränken und einem breiten Tisch zugestellt. An der Decke blättert die Farbe ab, auf dem Boden sind die grauen Linoleumfliesen von den Metallbeinen der Betten und Stühle zerstoßen. Dumitru hat sich einen wilden Backenbart wachsen lassen. Das passe besser zum Neandertal, scherzt er.

          Ein aufgeschreckter Hausbesitzer

          Das Neandertal heißt offiziell Wohnheim Frankfurt-Griesheim und besteht aus ehemaligen Blocks der Baufirma Philipp Holzmann und zu Wohnungen umgebauten Baracken, in denen früher Geräte lagerten. Bis zu 1200 Menschen wohnen hier. Meist Arbeiter aus Osteuropa: Polen, Ungarn, sehr viele Rumänen. Für 220 Euro im Monat vermietet eine GmbH aus Mannheim die Betten in den Zimmern. Bettwäsche kostet extra.

          Gratis dazu gab es bis vor einer Woche den Schimmel, der an den Wänden wucherte. In einem Bericht des ZDF-Magazin „Frontal 21“ sind die schwarzen Flecken gut zu erkennen. Weil die Fernsehbilder aber die Stadt aufgeschreckt haben und sie wiederum den Hausbesitzer, ist der Schimmel mittlerweile verschwunden. Ein halbes Dutzend Männer mit Atemschutz und langen Handschuhen seien gekommen und hätten eine Flüssigkeit versprüht, sagen die Männer. An den Wänden der Zimmer sieht man nichts mehr, an den Rigips-Decken in den Baracken kann man nur Verfärbungen erkennen.

          73 von 157 Arbeitsstunden sieht der Staat

          Auch ohne Schimmel ist ein Bett im Neandertal kein Ort, an dem man Monate oder Jahre wohnen möchte, wie es einige hier tun. Könnten die Arbeiter nicht zusammenlegen und für 880 Euro eine Wohnung mieten? „Ich will natürlich eine Wohnung“, sagt Dumitru. Aber dafür müsste er wissen, ob auf die jetzige Baustelle in ein paar Wochen eine weitere folgt. Ob er bezahlt wird wie abgemacht. Oder ob er sich mit weniger zufriedengeben muss. Oder vielleicht mit nichts.

          Die Arbeit – das ist die große Sorge der Männer. Der jüngste der vier ist gerade erst wieder aus Rumänen hergekommen. Ein Bekannter hatte ihn angerufen, es gebe Arbeit. Seit er in Frankfurt ist, geht der andere nicht mehr ans Telefon. Jetzt sucht er wieder. Die anderen drei haben eine Stelle. Einer holt ein Büchlein hervor, in das er jeden Tag mit Kugelschreiber seine Stunden einträgt. Blau auf Karo. Das Büchlein ist für ihn und den Polier. Für den Staat gibt es einen gedruckten Lohnzettel. Schwarz auf weiß. Im Dezember stehen 73 Stunden auf dem Zettel. Im Buch steht: 157 Stunden.

          Nur mündliche Absprachen

          „Die Schwarzarbeit auf dem Bau hat ein unglaublich professionelles Niveau erreicht“, sagt Balan. Solche Zettel seien nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Schon lange habe er keine Baustelle mehr besucht, auf der es keine irreguläre Beschäftigung gegeben habe. „Dabei ist es doch absurd, zu glauben, jemand im besten Mannesalter käme aus Rumänien hierher, um bloß Teilzeit zu arbeiten.“ Ein Mitbewohner von Dumitru erzählt, auf einer Baustelle hätten sie Stechkarten bekommen. „Aber benutzen sollten wir sie nur jeden zweiten Tag.“

          Ein Problem wird diese Art von Buchführung für die Männer, wenn der mündlich abgemachte Lohn nicht gezahlt wird. „Was willst du mit deinen Aufzeichnungen?“ hat ein Chef Dumitru gefragt, als er seinen Lohn einfordern wollte. „Hat dir das etwa jemand gegengezeichnet? Hier, nimm das Geld, mehr werde ich dir nicht geben.“ Dumitru nahm das Geld – rund die Hälfte des Lohns – und unterschrieb, dass alle Forderungen beglichen seien.

          Vergebliches Warten in Rumänien

          Die Männer im Neandertal kennen viele solcher Geschichten. Balan hat mit der IG Bau und dem Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen viele solcher Fälle betreut. Etwa den von Petre, der auch aus Rumänien stammt und im Neandertal wohnt, aber ebenso wenig Petre heißt wie Dumitru Dumitru.

          Petre hatte in München die Villa eines Geschäftsmannes gebaut – großes Haus mit Aufzug und runden Wänden, die nicht einfach zu verschalen waren. Beim ersten Lohn fehlte dann ein Teil. „Wir verrechnen das im nächsten Monat“, sagte der Chef. Ebenso im nächsten Monat. Schließlich bleibt der Lohn ganz aus. Der Mann der Buchhalterin ist ein Bekannter von Petre aus Rumänien. Er war es, der ihn angerufen und gesagt hat: „Komm wieder nach Deutschland!“ Weil er direkt bei einer deutschen Firma arbeiten sollte und nicht wie so oft bei einem Subunternehmer aus Ex-Jugoslawien, hoffte Petre, diesmal nicht betrogen zu werden. „Aber Ausbeutung ist keine Frage der Ethnie“, sagt Balan.

          Der Lohn komme bald, sagt der Chef. Irgendwann reicht Petres Geld nicht mehr fürs Essen. Petre, der ein kräftiger Kerl ist, überlegt, ob er die Sache mit den Fäusten regeln soll. „Mach das bloß nicht“, rät ihm ein Kumpel aus Bukarest. „Dann bekommst du Ärger mit der Polizei.“ Auch sein angeblicher Freund in Deutschland sagt: „Dann schlag mich doch! Wirst schon sehen, ob du das Geld bekommst.“ Irgendwann gibt Petre auf, nimmt die 200 Euro Abschlagszahlungen und kauft ein Busticket nach Bukarest. Im Gepäck die vage Hoffnung, dass die Firma das Geld nachsendet. Er kennt einen, bei dem es geklappt hat. Aber in Rumänien wartet er vergebens.

          „Noch mehr Beschiss als bei uns“

          Das erste Mal sei er 2005 reingelegt worden, sagt Petre. Auf einer Baustelle in Ludwigsburg. Das erste Mal in Deutschland? „Nein, das erste Mal überhaupt.“ Damals war er schon 15 Jahre lang als Wanderarbeiter unterwegs. Im Mai 1990 – kurz nach dem Ende der Ceauşescu-Diktatur – war er als Kontingentarbeiter nach Deutschland gezogen. Später arbeitete er mehr als acht Jahre in Israel, außerdem in der Türkei, Italien, Belgien und im Nordirak. Für acht Stunden am Tag habe er dort jeden Monat 1800 amerikanische Dollar bekommen – pünktlich gezahlt. Jetzt arbeitet er auf einer Baustelle bei Frankfurt als entsendeter Arbeiter einer rumänischen Firma, die nur auf dem Papier existiert. Bislang wird er wie vereinbart bezahlt. Wenn möglich, will er aber lieber wieder weg aus Deutschland.

          Auch Dumitru und seine Mitbewohner haben in Israel, Italien und Tschechien gearbeitet und dort bessere Erfahrungen gemacht. Dumitru sagt, am Anfang habe ihn das gewundert. „Wenn du Deutschland hörst, denkst du an Gradlinigkeit, an Demokratie. Dann kommst du hierher und denkst: Wow, das ist ja noch mehr Beschiss als bei uns.“

          Männer wie Dumitru haben die EZB gebaut, den neuen Campus der Goethe-Uni, und auch wenn die Mehrzweckhalle zwischen Offenbach und Frankfurt irgendwann einmal errichtet wird, werden Arbeiter aus Osteuropa Steine schleppen, Mauern hochziehen und Beton gießen. Deutsche Bauarbeiter, sagen die Männer, haben sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Deutsche, das sind nur die Poliere oder Bauaufseher.

          Drei Mal im Jahr die Familien besucht

          Männer wie Dumitru bauen unsere Häuser, aber sie fühlen sich nicht zu Hause in diesem Land. Sie gehören zu einem eigenen Stamm, der im Neandertal wohnt – so sieht es Dumitru. Das Bild hat sich längst verselbständigt. Wenn sie abends zusammensitzen, sich fahlgelben Pflaumenschnaps aus Fanta-Flaschen einschenken und herumblödeln, diskutieren sie etwa darüber, wie um Himmels willen die Neandertaler-Männer die Herzen der Neandertaler-Frauen haben erobern können. „Die hatten ja noch keine Sprache in der Steinzeit“, sagt Dumitru, und alle lachen.

          Dann kommt das Gespräch auf die Frauen daheim. Im Rumänischen gibt es zwei Wörter für „Hausfreund“. Das eine benennt einen, der „Du weißt schon was“, sagt Dumitru, und das andere einen, der außerdem noch etwas zu essen einsteckt. „Ein Huhn oder so.“ Auch mit Balans Hilfe gelingt Dumitru keine deutsche Übersetzung. Habt ihr denn alle Frauen, Dumitru? Es wird still in der Runde. Drei von vier sind verheiratet. „Zwei Kinder, zwei Kinder, drei Kinder“, sagt Dumitru auf Deutsch mit rollendem R und zeigt auf sich und seine Mitbewohner.

          Und wie oft seht ihr eure Familien? So zwei- oder dreimal im Jahr für ein paar Wochen, sagt einer mit feinen Gesichtszügen, der sonst eher still ist. Vorhin hat er im Schlafanzug auf dem Bett gelegen und mit seiner Frau geskypt. Die Frau schicke ihm den selbstgebrannten Schnaps. Aber er komme gar nicht hinterher mit dem Trinken, sagt er. Dumitru seufzt. „Wenn man einen Zeitungsartikel über uns schreiben würde, dann müsste er ,Die Probleme der Neandertaler‘ heißen.“

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