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Wandel öffentlicher Plätze : Tunnelmünder, Krater, Stadtautobahnen

Ein Platz wird verschandelt: die Hauptwache von heute Bild: Thomas Eicken

Eine Ausstellung zeigt Plätze in Deutschland, heute und in den fünfziger Jahren. Der Vergleich wirft die Frage auf: War früher alles besser?

          Diese Ausstellung macht wütend, mit jedem Schritt steigt der Puls des Besuchers. Wobei er sich am Ende das Lachen dann doch nicht verkneifen kann, so irre waren manche Ideen der Stadtplaner. Im Foyer des IG-Farben-Baus der Goethe-Universität hängen 27Bildpaare von Plätzen in Deutschland. Das erste Motiv stammt aus der Nachkriegszeit, das zweite Foto zeigt aus ähnlicher Perspektive den Zustand von heute – nach dem Umbau der deutschen Innenstädte unter dem Paradigma der verkehrsgerechten Stadt.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Institut für Stadtbaukunst in Dortmund entstand die Idee zu der Wanderausstellung. Ihr Kurator, der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler, hat den Textanteil stark reduziert. Einzig ein Zitat von Aristoteles ist der Ausstellung vorangestellt: „Eine Stadt soll so gebaut sein, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen.“ Mäckler vertraut auf die Wirkung der Bilder, er lässt sie einfach sprechen.

          Straßen wirken heute wie Barrieren

          Die Gegensatzpaare öffnen dem Betrachter die Augen. Der Fahnenbergplatz in Freiburg zum Beispiel war auch 1955 keine Schönheit, sondern ein reiner Parkplatz. Aber immerhin war er noch zu erkennen. Heute verstellt ein gläsernes Bürohaus die Aussicht aufs Freiburger Münster. In Bremen fällt der Blick nicht mehr wie 1962 ungehindert auf das Portal des Hauptbahnhofs, sondern auf die Pfeiler einer Hochstraße.

          Die Ausstellung zeigt, dass ein großer Teil der deutschen Innenstädte nicht im Krieg, sondern erst danach zerstört wurde. Im schwäbischen Städtchen Laupheim etwa wurde der Marktplatz 1957 noch von einem hübschen Gasthaus gefasst. Heute steht an seiner Stelle ein monströses Bürohaus in bester Kreissparkassen-Architektur. Die Aufenthaltsqualität ist gleich null.

          Früher konnten sich Fußgänger, Straßenbahnen und Autos ungehindert im Stadtraum begegnen, in geradezu friedlicher Koexistenz. Doch auf dem Königsworther Platz in Hannover wurden die Fahrspuren verdoppelt, beim Weg über die Straße setzt man sein Leben aufs Spiel. Vom Bundesplatz in Berlin ist gar nichts mehr übrig geblieben; er ist heute eine überdimensionierte Kreuzung. Vielerorts wurden die Straßen viel zu breit angelegt, sie wirken wie Barrieren. Auch die Mode, Unterführungen zu bauen, brachte viel Elend in die Städte. Heute zerschneiden hässliche Rampen den Straßenraum, etwa in Nürnberg an der Königstraße. In Oldenburg wurde ein idyllischer Hafen einfach zugeschüttet. Wo 1955 die Boote dümpelten, verläuft heute eine mehrspurige Straße. Geradezu absurd sind Bausünden wie in Halle an der Saale, wo Autos auf gleich zwei Hochstraßen über den Franckeplatz donnern. Tunnelmünder, Krater, Stadtautobahnen – so geht es weiter, von Stuttgart bis München, quer durch die Republik. Dass auch Verkehrsberuhigung nicht immer hilft, zeigt der Vorplatz des Kölner Doms: Auf der riesigen, zugigen Domplatte kann sich kein städtisches Leben entfalten.

          Auch Frankfurt liefert zwei Beispiele

          Mit der Fassung der Plätze haben sich die Nachkriegsarchitekten ebenfalls oft schwergetan. In Bonn zeigt vor dem Hauptbahnhof ein Betonbau sein deprimierendes Antlitz. Dabei waren an dieser Stelle die Gründerzeithäuser auch 1955 noch erhalten. In Gütersloh am Berliner Platz und in Heidelberg am Bismarckplatz wichen Gebäude im städtischen Maßstab riesigen Warenhäusern.

          Auch aus Frankfurt gibt es zwei Beispiele. Mit Blick auf die Hauptwache ist die Frage leicht zu beantworten, ob der Platz vor dem Bau des Kraters, der zur S-Bahn hinabführt, nicht schöner war. Und der Hauptbahnhof war 1952 noch nicht durch sechs Fahrspuren von der Innenstadt abgeriegelt. Von der mangelhaften Gestaltung des Platzes ganz zu schweigen.

          Mäckler hört nicht auf, für die Schönheit einer Stadt zu streiten, in der sich die Bürger wohl fühlen sollen. Mit der Ausstellung wirbt er auf drastische und verblüffend einfache Art für sein Anliegen.

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