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Fragmente aus Heddernheim : Das Puzzle von Nida

Besonderheit: Fresken mit Mustern, aber auch figürlichen Motiven wie im antiken Nida wurden jenseits des Mittelmeerraums nur in wenigen römischen Siedlungen gefunden. Bild: Archäologisches Museum Frankfurt

Wie bedeutend die römische Stadt Nida gewesen ist, lassen die Fragmente einer Wandbemalung erahnen. Das Archäologische Museum Frankfurt versucht, ihr Geheimnisse zu entlocken.

          3 Min.

          Wer gerne puzzelt, kennt das Problem: Manche Teile zeigen kein erkennbares Motiv, sondern eine mehr oder minder einfarbige Fläche. Sie könnten hierhin gehören, aber auch dorthin. So ist es auch bei den Fragmenten einer römischen Wandbemalung, die auf dem Areal der antiken römischen Stadt Nida im heutigen Heddernheim gefunden wurden. Allerdings sind die Dimensionen andere als bei einem herkömmlichen Puzzle: Von den Abertausenden Fragmenten ist nur ein kleiner Teil, etwa 5000 Bruchstücke, bemalt. Auch deshalb muss dieses Puzzle „von hinten zusammengesetzt werden“, wie Wolfgang David, der Leiter des Archäologischen Museums, sagt. Die Mauerreste hinter dem Putz, eventuell mit Flechtwerk oder Spuren von Pfosten versetzt, geben Hinweise auf die Anordnung.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es kann Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis das Puzzle zusammengesetzt und ergänzt der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Erst einmal gilt es, die Fragmente zu sichern. Bislang liegt ein Großteil von ihnen in Kisten. Bei jeder Bewegung kommt es zum Abrieb, was die spätere Zusammensetzung erschwert. Wie Sigrun Martins, Restauratorin im Archäologischen Museum, erläutert, müssen insbesondere die Kanten mit Kunstharz stabilisiert werden. Auch die organischen und anorganischen Pigmente der Bemalung sind ohne Konservierung vom Verfall bedroht. Daran, dass sich die Arbeit lohnt, hat Museumsdirektor David nicht den leisesten Zweifel. Der Wandverputz mit geometrischen Mustern, aber auch figürlichen Darstellungen von Pflanzen, Tieren und Menschen, zeuge von der Bedeutung des Garnisonsstandorts und späteren Hauptorts des Verwaltungsbezirks „Civitas Taunensium“.

          Das Heiligtum von Nida

          Fresken wie im römischen Nida habe es nur in wenigen Städten jenseits des Mittelmeerraums gegeben, sagt David. Gefunden wurden die jetzt zu restaurierenden Fragmente bei Grabungen des städtischen Denkmalamts in den Jahren 2016 bis 2018. Dort, auf dem Erweiterungsgelände der Römerstadtschule, hatte man bisher den zentralen Markt, das Forum, vermutet. Bei den Grabungen stellte sich allerdings heraus, dass sich dort ein ummauerter Kultbezirk mit Holz- und Steinbauten sowie zahlreichen Schächten und Gruben befand. Mit rund 4000 Quadratmetern dokumentierter Fläche zählt das Heiligtum von Nida zu den am besten erhaltenen und am umfangreichsten ergrabenen römischen Sakralanlagen in Deutschland.

          Mit Schlangenkopf: Die „Luristan-Bronzen“, hier ein Armreif, sind ein Sammlungsschwerpunkt im Archäologischen Museum.
          Mit Schlangenkopf: Die „Luristan-Bronzen“, hier ein Armreif, sind ein Sammlungsschwerpunkt im Archäologischen Museum. : Bild: Archäologisches Museum Frankfurt

          Ob die Putzfragmente zu einem einzelnen Wandgemälde gehören oder zu mehreren Fresken, vielleicht aus unterschiedlichen Räumen, ist unbekannt. Offenbar wurden sie bei einem Umbau zu Beginn des 3. Jahrhunderts nach Christus von den Wänden geschlagen und vergraben. Mit ihnen und weiteren Fundstücken besteht die Möglichkeit, zumindest einen Teil der Innenräume des Gebäudes und seiner Ausstattungen zu rekonstruieren. Vielleicht lässt sich dann auch das Rätsel lüften, welche Gottheiten in dem Heiligtum verehrt wurden. Jupiter Dolichenus könnte es gewesen sein, und auch Isis, Merkur und Diana kommen in Frage.

          Zusammenarbeit mit freiberuflichen Restauratoren nötig

          Zwar ist das Archäologische Museum mit drei Restauratoren relativ gut ausgestattet, doch die Konservierung der Fragmente könnten sie neben all ihren anderen Aufgaben nicht bewältigen. Das liegt an der besonderen Natur des Museums: Kein anderes Frankfurter Haus hat einen so stetigen und starken Zugang an Objekten. Im Boden der Stadt wird eben ständig etwas gefunden, das dann im Museum landet. Liane Giemsch, die Leiterin der Restaurierungswerkstatt, spricht von 340.000 Objekten im Bestand, alle zwei Jahre kämen 400 Kisten aus Grabungen des Denkmalamts dazu.

          Kleinod: eines von mehreren tausend Fragmenten eines römischen Wandbildes
          Kleinod: eines von mehreren tausend Fragmenten eines römischen Wandbildes : Bild: Archäologisches Museum Frankfurt

          Damit wertvolle Funde wie die aus Nida erhalten bleiben, arbeitet das Museum mit freiberuflichen Restauratoren zusammen. Doch die kosten zusätzliches Geld. Im Frühjahr ergriff das Museum deshalb die Chance, die sich aus der damals neu aufgelegten Corona-Förderlinie der Ernst von Siemens Kunststiftung ergab. Die Stiftung hat schon mehrere Projekte in Frankfurt unterstützt, zuletzt den Ankauf des Max-Beckmann-Selbstporträts durch das Städel. Wie Generalsekretär Martin Hoernes sagt, entschied sich die Stiftung Mitte März, noch vor der offiziellen Ausrufung der Corona-Pandemie, die Arbeit von freien Restauratoren und Wissenschaftlern in den Museen zu finanzieren. Die Freiberufler übernähmen wichtige Aufgaben und brächten große Fachkompetenz ein. Um ihnen während der Krise zu helfen und ihre Dienste damit für die Zukunft zu sichern, habe die Siemens Kunststiftung schnell und unbürokratisch gehandelt. Inzwischen seien bundesweit mehr als 1,3 Millionen Euro für 130 Projekte ausgeschüttet worden.

          Auf das Archäologische Museum entfällt davon nur ein relativ kleiner Betrag, der aber für die dringendsten Arbeiten an den Putzfragmenten ausreicht. Außerdem finanziert die Stiftung die Restaurierung von Bronze- und Silberobjekten aus dem Alten Orient, die zu einer umfangreichen Sammlung des Museums gehören. Sie stammen aus Mesopotamien und Iran, aus dem Gebiet des mittleren Zagrosgebirges. Augenscheinlich mögen die als „Luristan-Bronzen“ bekannten Funde wenig mit der römischen Stadt an der Nidda zu tun haben, doch der erste Blick trügt. Die Objekte berichten über die Entstehung der antiken Welt und weisen auf technologische und kulturhistorische Beziehungen hin, die zum antiken Griechenland und weiter nach Mitteleuropa reichen. Vom Sinter befreit und vor Korrosion geschützt, werden sie künftig noch mehr erzählen können.

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