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Walter Kohl : Von der Kindheit geheilt

Walter Kohl, Sohn von Altkanzler Helmut Kohl Bild: Kammerer, Bernd

Walter Kohl spricht im Wiesbadener Kurhaus über das Leben als Kanzlersohn. Dabei kommt viel Persönliches zur Sprache, und eine lebhafte Diskussion folgt.

          2 Min.

          Walter Kohl ist etwas kleiner als sein Vater. Sein Körperbau wirkt kompakter, beinahe sportlich. Unübersehbar ist aber die äußere Ähnlichkeit von Gestik und Mienenspiel. Für einen Moment meint man, den Altkanzler vor sich zu haben, wenn sein Sohn mit hoher Konzentration die Zunge zwischen den Lippen hervorpresst. Das pfälzische Idiom fehlt. Auch sonst scheint die beiden nicht allzu viel zu verbinden.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Jedenfalls könnten die Rollen, die sie gegenwärtig in der Öffentlichkeit spielen, gegensätzlicher kaum sein. Während die Republik den vor 30 Jahren zum ersten Mal zum Kanzler gewählten, von Alter und Krankheit gezeichneten Zweiundachtzigjährigen für sein Lebenswerk ehrt, schildert sein neunundvierzigjähriger Sohn, wie sehr er darunter gelitten hat.

          „Nur mal den Sohn vom Kohl sehen“

          Rund 100 Literaturfreunde sind am Sonntagabend ins Wiesbadener Kurhaus gekommen. „Viele von ihnen wollen nur mal den Sohn vom Kohl sehen“, mutmaßt der Sohn. Auf weißem Hemd mit offenem Kragen trägt er ein gemustertes braunes Jackett, passend zu einer beigefarbenen Cordhose und robusten Mephisto-Schuhen.

          Er liest nur einzelne, ziemlich kurze Passagen aus dem Buch vor, das er schon zu Beginn des vergangenen Jahres unter dem Titel „Leben oder gelebt werden“ geschrieben hat. Breiten Raum nimmt hingegen die Diskussion ein. Der Autor, der mit seiner zweiten Frau in Königstein lebt, moderiert sie selbst und stellt dabei die gelassene Einfühlsamkeit unter Beweis, die der Senior bei solchen Gelegenheiten stets vermissen ließ.

          Dem Vater sei die Politik immer wichtiger gewesen als seine Familie. Das ist, kurz gesagt, der Inhalt des Buches, das Walter Kohl selbst als Therapie bezeichnet. „Malen, tanzen und singen kann ich nämlich nicht.“ Wie sein Vater über sein Werk denkt? „Er hat es mir gesagt“, antwortet der Sohn. „Er will das nicht lesen. Das Thema ist für ihn - weg.“ Die Stille, die sich in diesem Moment im Christian-Zais-Saal breitmacht, unterbricht der Buchautor, indem er hinzufügt: „Es ist okay so.“ Das scheint er selbst zu glauben. Er spricht von Versöhnung, definiert den Begriff aber auf eine eigenwillige Weise. Aus seiner Sicht gehören dazu nämlich nicht unbedingt zwei Seiten. Eine reicht aus. Wer zur Versöhnung bereit ist, hat sich versöhnt. „Wenn der andere es nicht kann oder will, ist es sein Problem. Das ist schade, aber auch akzeptabel“, sagt der junge Kohl.

          Das will nicht jedem Zuhörer einleuchten. Was denn ein Friedensvertrag wert sei, wenn nur eine Seite ihn unterschreibe, fragt jemand. „Für mich ist jetzt alles klar“, beteuert der Sohn. „Ich weiß, wie mein Vater fühlt.“ Seine eigenen Empfindungen habe er in seinem Buch niedergeschrieben. War das nötig? Seine Familie sei immer Gegenstand öffentlicher Erörterungen gewesen, erläutert der Autor. „Die Dinge müssen auf der Ebene geheilt werden, auf der sie entstanden sind.“

          In Walters Rückblick auf seine unglückliche Kindheit spielt der Terrorismus der Roten Armee Fraktion eine überragende Rolle. Im Alter von 13 Jahren erfuhr er von der Polizei, dass die Sicherheitsbehörden das Lösegeld für den Fall seiner Entführung auf höchstens fünf Millionen Mark begrenzt hätten. Das Kind verstand nur eines: „Ich bin nicht wichtig. Mein Verlust ist kein Verlust.“ Warum seine Eltern ihn nicht in einem Internat angemeldet hätten, fragen die Zuhörer. Weil Internate weder im Inland noch im Ausland Schüler aufnähmen, in deren Nähe sich permanent sechs Sicherheitsbeamte aufhielten, lautet die Antwort. Zum Studium ging Walter Kohl nach Harvard. Im Rhein-Main-Gebiet arbeitete er anschließend in verschiedenen Unternehmen als Controller.

          Ausdruck eines unglücklichen Lebens

          “Walter, deine Mutter ist tot.“ Als Juliane Weber, die Sekretärin seines Vaters, den älteren der beiden Söhne am 5. Juli 2001 telefonisch in seinem Frankfurter Büro erreichte, wusste der sofort, dass sie den Freitod gewählt hatte. Ihre Lichtallergie sei auch psychosomatisch bedingt gewesen, glaubt ihr Sohn. „Sie war Ausdruck eines unglücklichen Lebens.“

          Sehr diszipliniert liest der junge Kohl vor, wie er in dem Buch seine tote Mutter in den Armen hält. „Ich weinte und schrie wie von Sinnen.“ Dann plante der Sohn den eigenen Selbstmord. Wegen seines Kindes überlegte er es sich aber anders. Auch das Buch habe ihm geholfen, mit der Vergangenheit und mit seinem Vater seinen Frieden zu machen, sagt Walter Kohl. „Es geht mir gut.“

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