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Waldbrandbekämpfung : Wenn der Löschwagen Feuer fängt

Planspiele: Wie man im Sandkasten Waldbrände bekämpft. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit Waldbränden ist durch den Klimawandel immer häufiger rechnen. Bei einer Tagung in Bad Homburg tauschen sich Wehrleute aus acht Ländern aus.

          3 Min.

          Den Unterschied zwischen einem typischen Wohnhausbrand und einem Einsatz beim Waldbrand beschreibt Ulrich Cimolino so: „Das Feuer im Wald bleibt nicht stehen wie das Haus.“ Was diese Dynamik im wirklichen Leben für Feuerwehrleute bedeuten kann, zeigt der Vorsitzende des Arbeitskreises Waldbrand der deutschen Feuerwehren mit Bildern und kurzen Filmausschnitten: Ein Löschzug in einem östlichen Bundesland, der Flammen am Boden eines Kiefernwalds bekämpft. Plötzlich greifen die Flammen auf die Kronen über und breiten sich an der Seite aus. Die Wehrleute haben größte Mühe, sich und ihre Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Cimolino referiert am Donnerstagabend bei einem internationalen Workshop zur Waldbrandbekämpfung, zu dem 45 Teilnehmer aus den Vereinigten Staaten, England, Kroatien, Spanien, Portugal, Frankreich und Österreich nach Bad Homburg gekommen sind. Vier Tage lang tauschen sich die Experten aus und spielen dafür auch im Sandkasten. „Das macht bei uns eher die Bundeswehr, bei Feuerwehren ist das noch unüblich“, sagt der Bad Homburger Feuerwehrchef Daniel Guischard. In anderen Ländern hingegen entwickelten die Wehren mit solchen Planspielen die Einsatzstrategie. Es ist nicht der einzige Punkt, an dem Teilnehmer voneinander lernen wollen.

          Austausch zwischen Kroatien und Hochtaunuskreis

          „Die Kollegen aus den südlichen Ländern haben eine ganz andere Erfahrung mit Waldbränden“, sagt Guischard. Das nutzt Bad Homburg schon seit zehn Jahren. So lange besuchen Mitglieder der hiesigen Feuerwehr die Kameraden der kroatischen Partnerstadt Dubrovnik und umgekehrt. Auf den steilen Bergen an der Adriaküste brechen immer wieder Feuer in unwegsamem Gelände aus. „Aber auch der Hochtaunuskreis ist Waldbrandgebiet“, sagt der Leiter der Bad Homburger Feuerwehr. Bisher waren es zum Glück meist kleinere Feuer rund um den Großen Feldberg, die in der von vielen Ausflüglern genutzten Region schnell entdeckt und gelöscht werden konnten. Aber die Folgen des Klimawandels beschäftigen außer den Förstern auch die Feuerwehren.

          „Früher ging die Waldbrandsaison von April bis Oktober“, berichtet Cimolino. „Jetzt geht es im Februar los bis in den November hinein.“ Die Schäden durch die Trockenheit der vergangenen beiden Jahre wirken sich gleich doppelt aus. „Das schützende Blätterdach fehlt, um den Boden feucht zu halten“, sagt Guischard. Wo der Wind Bäume umgeworfen habe, liege wiederum viel Restholz. „Wir haben dort plötzlich eine enorme Brandlast am Boden.“ Dieses Problem stelle sich auch bei stillgelegten Waldflächen, die sich selbst überlassen blieben. Für die deutschen Feuerwehren bedeuten die Dürrejahre und die steigende Waldbrandgefahr eine Umstellung.

          „Die Waldbrandbekämpfung gehört nicht zur Grundausbildung“, sagt Cimolino in seinem Vortrag. „Normalerweise fahren wir zum Einsatz und kommen nach zwei bis vier Stunden zurück.“ Ein Wald brenne hingegen schon einmal sechs Wochen lang. Manchmal würden die Löscharbeiten durch Munition im Boden erschwert, wie voriges Jahr bei Münster im Kreis Darmstadt-Dieburg. Der Branddirektor bei der Feuerwehr Düsseldorf schärft aber den blau uniformierten Zuhörern auch den Sinn für die richtige Bekämpfung von Flächenbränden.

          Geländegängige Fahrzeuge notwendig

          Das Bild von einem Feuerwehrtrupp samt Löschfahrzeug in einem Stoppelfeld dient ihm als Mahnung. „Die Flammen schlagen schon acht Meter hoch, sie haben mit den Feuerpatschen keine Chance“. Zumal es dort eigentlich nichts zu löschen gebe. Stattdessen drohe es ihnen zu ergehen wie den Kollegen in einer anderen Bildsequenz, die anschließend die Überreste ihres eigenen Wagens auf dem Acker löschen müssen. „Schaden am Feld: Null Euro“, sagt Cimolino. „Schaden am Feuerwehrfahrzeug: 300.000 Euro.“ Jedes Jahr gehe bundesweit ein Löschfahrzeug auf diese Weise verloren.

          Die Wehren haben angefangen, sich umzustellen. In Bad Homburg sind die Freiwilligen Feuerwehren der Stadtteile Dornholzhausen, Kirdorf und Ober-Erlenbach mit Löschrucksäcken, Hacken, einem geländegängigen Fahrzeug und leichterer Kleidung für Waldbrände ausgestattet worden. „Laufen Sie mal mit der Standardausrüstung 300 Meter bei 35 Grad“, begründet Cimolino die auch in dieser Hinsicht anderen Anforderungen gegenüber dem Feuerwehralltag.

          Ein Schwerpunkt des viertägigen Seminars liegt auf der Waldbrandbekämpfung aus der Luft. Hessen hat in den vergangenen vier Jahren an drei Standorten von Nord nach Süd – in Wolfhagen, Lauterbach und Darmstadt – einen Abrollbehälter mit Ausrüstung stationiert. Ein vierter steht in Wetzlar, um auch außerhalb Hessens eingesetzt werden zu können. In den Containern befindet sich unter anderem ein großes Löschwasserbecken, das am Boden von den Feuerwehren befüllt wird. Piloten können aus dem Reservoir mit einem „Bambi Bucket“, der unter dem Hubschrauber hängt und bis zu 2000 Liter fasst, Wasser aufnehmen und über der Brandstelle abwerfen.

          „Damals sind wir noch belächelt worden“, sagt Branddirektor Harald Ecker, der das Konzept beim Innenministerium maßgeblich mitentwickelt hat. „Heute lächelt niemand mehr.“ Da die Feuerwehr keine eigenen Helikopter hat, fliegen in Hessen die Hubschrauber von Polizei und Bundespolizei sowie die beiden Zivilschutzhubschrauber Christoph 2 und 7. „In Bayern ist das System wieder völlig anders, aber es funktioniert beides“, sagt Ecker. Als Teil des Workshops werden die Teilnehmer am heutigen Samstagnachmittag von einem privaten Hubschrauberunternehmen in Friedrichsdorf-Burgholzhausen aus Aufklärungsflüge zum Herzberg unternehmen. Den Standort würde auch die Bad Homburger Feuerwehr auch im Ernstfalle nutzen, um dort Behälter für das Löschen aus der Luft zu befüllen. Dabei arbeitet sie mit der Friedrichsdorfer Wehr zusammen. „Einen ersten Versuch, die Logistik sicherzustellen, haben wir voriges Jahr gemacht“, sagt der Friedrichsdorfer Stadtbrandinspektor Ulrich Neeb.

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