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Walcker-Orgel in Bad Nauheim : Mitten im Lied setzt der Ton aus

Nur ein Teil der Register: Die Walcker-Orgel in der Bad Nauheimer Dankeskirche verfügt noch über ein Fernregister mit 300 weiteren Pfeifen unter der Decke. Bild: Wolfgang Eilmes

Die 100 Jahre alte Walcker-Orgel der Bad Nauheimer Dankeskirche ist nicht mehr zu retten. Mit Hilfe von Spenden und Patenschaften soll eine neue errichtet werden.

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          Ausgerechnet als er am Heiligen Abend das Lied „Stille Nacht“ spielte, setzte die Orgel aus. Da bekam der Liedtitel eine neue Bedeutung, erinnert sich Frank Scheffler, Kantor und Organist an der Dankeskirche in Bad Nauheim. Er hatte ein Register gezogen, das keinen Ton mehr hervorbrachte. Das war kein Einzelfall. Im Gegenteil: Das vor gut 100 Jahren gebaute und Mitte der sechziger Jahre erneuerte Instrument ist in einem so schlechten Zustand, dass Scheffler fast die Hälfte der Register stillgelegt und sie an seinem Spieltisch entsprechend markiert hat.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Aber auch so kommt es immer wieder vor, dass dieser oder jener Akkord nicht so klingt, wie sich der Interpret an den Manualen das wünscht. „Ich muss immer mit unliebsamen Überraschungen rechnen“, sagt Scheffler. Unter all dem leidet nicht nur die musikalische Gestaltung der Andachten, es schränkt auch die Kirchenkonzerte ein. Das ist bedauerlich, weil die Musikreihe in der Dankeskirche eine lange Tradition hat und von Besuchern aus einem weiten Einzugsgebiet geschätzt wird.

          Neubau für die Königin der Instrumente

          Damit die Königin der Instrumente auch im größten Bad Nauheimer Gotteshaus wieder als solche erklingen kann, ist ein Neubau geplant. Was die Kirchengemeinde freilich finanziell überfordert. Deshalb hat sich ein Förderkreis gebildet. Ihm gehören neben Gemeinde- und Kirchenvorstandsmitgliedern auch andere Bürger an, welche die Tradition der Orgelmusik in der Kurstadt langfristig fortgesetzt sehen möchten. Der Förderkreis sammelt Spenden, vergibt Patenschaften für einzelne Pfeifen und ganze Register, organisiert gemeinsam mit dem Kantor Benefizkonzerte.

          Mit diesem Engagement knüpft der Förderkreis an die private Initiative an, die einst den Bau der Orgel ermöglichte. Theodora Konitzky, Gattin eines wohlhabenden Kurgastes, der in Bad Nauheim geheilt wurde, stiftete das Instrument. Nach ihren Vorgaben sollte es von bester Qualität und modernster Ausführung sein. So beauftragte sie eine der renommiertesten Firmen, die königlich-württembergische Orgelwerkstatt Walcker, mit dem Bau. Das 1906 nach rund einjährigen Arbeiten zur Weihe der Kirche fertiggestellte Instrument zählt nicht nur zu den großen in Hessen, es machte auch wegen seines besonderen Klangs alsbald von sich reden.

          Sphärisch anmutende Klänge

          Denn es besitzt neben seinem Hauptwerk auf der Empore mit knapp 3000 Pfeifen ein sogenanntes Fernwerk, das annähernd 300 weitere Pfeifen umfasst. Eine Konstruktion, die sich in Deutschland nur in wenigen Kirchen findet, wie Scheffler erläutert. Dieses Fernwerk befindet sich über dem Gewölbe, unter dem Dach des Hauptschiffes, und wird über ein aufwendiges System von Mechaniken und Röhren vom Spieltisch aus bedient. Das ermöglicht sphärisch anmutende Klänge, die das Publikum besonders in den Bann ziehen.

          Über Jahrzehnte kam man mit kleineren Ausbesserungen da und dort aus, bis sich Anfang der sechziger Jahre herausstellte, dass umfassende Reparaturen nötig waren. Zudem passte das spätromantische Klangbild nicht mehr zum Geschmack der Zeit. Also setzte sich der damalige Organist für einen Neubau ein, der seiner Vorliebe für französische Orgelmusik und seinem Wunsch nach stilistischer Vielseitigkeit entgegenkommen sollte.

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