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Wahlkampf in Hofheim : Entscheidung „zwischen Pest und Cholera“

  • -Aktualisiert am

Bei der Stichwahl am 28. April entscheidet sich, ob Amtsinhaberin Gisela Stang (SPD) sich gegen den Herausforderer Wolfgang Exner (CDU, links) durchsetzen kann. Bild: Sick, Cornelia

Die Parteichefs von CDU und SPD, Christian Vogt und Alexander Tulatz, werben bei den Hofheimer Grünen vergeblich um Unterstützung für die Stichwahl.

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          Schon Stunden vorher lief für beide jungen Hofheimer Parteivorsitzenden an diesem Tag alles schief: Christian Vogt (CDU) stand in seiner Wohnung entgeistert vor Paletten mit Wahlkampfplakaten, die eigentlich längst auf die einzelnen Ortsbezirke verteilt sein sollten. Seinen Gegenspieler von den Sozialdemokraten, Alexander Tulatz, traf es noch härter: Kurz vor dem Treffen mit den Grünen streikte mitten auf der Weilbacher Kreuzung das Auto und gab fortan keinen Mucks mehr von sich. Abgehetzt und sichtlich derangiert kamen die beiden Frontkämpfer für die Hofheimer Stichwahlkandidaten Gisela Stang (SPD) und Wolfgang Exner (CDU) am Mittwochabend dennoch pünktlich bei der Mitgliederversammlung der Hofheimer Grünen in der Marxheimer Turnhalle an. Exakt 23 gestoppte Minuten hatten die Juristen jeweils Zeit, um nach dem Ausscheiden des Grünen Horst Schneider an dessen Heimatbasis um Unterstützung zu werben - es war aber für beide von vorneherein ein aussichtloses Unterfangen.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Jene 2432 Wähler, die am Sonntag bei der Bürgermeisterwahl für Schneider stimmten, sollen nach dem Rat der Partei bei der Stichwahl am 28. April tun, was ihnen gefällt. Die Grünen überlassen Schneiders Wählern allein die Entscheidung beim Urnengang. Es gebe angesichts des „Kuschelkurses“ doch ohnehin nur eine Auswahl „zwischen Pest und Cholera“, wurde mehrfach beklagt.

          Leger und mit offenem Hemdkragen

          So deutlich freilich äußerte sich keiner im Beisein der beiden Werber. Forsch ergriff der eigens leger in Jeans und mit offenem Hemdkragen erschienene CDU-Chef Vogt als Erster seine Chance. Er erinnerte an die doch eigentlich sehr guten Koalitionsgespräche 2010, die nur an dem Bauprojekt Vorderheide gescheitert seien, sprach viel von der jungen CDU-Garde, die längst keine Berührungsängste mehr vor Grünen habe. Er schwärmte über die Arbeit der schwarz-grünen Koalitionen in Schwalbach, Eppstein und Eschborn und hob hervor: „Wer Veränderungen in Hofheim will, muss Exner wählen.“ Ohnehin sei doch die Koalitionsvereinbarung mit der SPD „nicht in Stein gemeißelt“. Vielleicht könne es auch zu einem Wechsel in der Stadtverordnetenversammlung kommen, keiner wolle - wie die Grünen - doch schließlich immer nur destruktive Oppositionspolitik machen, warb er ganz unverhüllt um künftige Zusammenarbeit im Parlament.

          Ganz anders Tulatz, der klar und deutlich formulierte: „Wir können keine Versprechen machen, fühlen uns an den Koalitionsvertrag gebunden.“ Aber es gebe große Schnittmengen zu den Grünen, in der Energiepolitik, im sozialen Wohnungsbau und nicht zuletzt im offenen Stil, den Stang pflege. Die Bürgermeisterin habe doch viel eher „das Ohr am Bürger“. Die Amtsinhaberin sei auch bereit, noch einmal selbst zu den Grünen zu kommen, falls dies gewünscht werde.

          Zum „Buhmann“ abgestempelt

          Die Hofheimer SPD kuschle nicht nur, sie verhalte sich gegenüber dem Koalitionspartner sogar duckmäuserisch, schimpfte darauf die Grünen-Parteivorsitzende Madlen Overdick. Und auch die Kritik aus dem SPD-Lager während der letztlich gescheiterten schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen ist bei den Grünen keineswegs vergessen. Sie haben uns wegen der Vorderheide zum „Buhmann“ abstempeln wollen. Und als die Verhandlungen gescheitert seien, habe sich die SPD mit der Personalie Winckler die Zustimmung zu dem umstrittenen Baugebiet selbst „abkaufen“ lassen, wetterte sie. Intern seien schon viele SPD-Mitglieder gegen das Vorhaben auf die Barrikaden gegangen, widersprach Tulatz. Es handele sich dabei keineswegs um ein sozialdemokratisches Lieblingsprojekt. Leider aber gebe es keine rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament.

          Ehrlicher sei Tulatz rübergekommen, hieß es in den Reihen der Grünen nach den Auftritten der Stichwahlkämpfer. Vogt habe wie ein Löwe gekämpft und den letzten Strohhalm ergriffen, aber er unterschätze mit seinen weitreichenden Angeboten an die Adresse der Grünen wohl die „Beharrungskräfte seiner eigenen Partei“, so die Analyse des Stadtverordneten Daniel Philipp. Vielmehr müsse die CDU jetzt in den nächsten drei Jahren beweisen, ob sie wirklich mit den Grünen zusammenarbeiten wolle. Und so richtige Unterschiede zwischen Stang und Exner konnte ohnehin keiner benennen.

          Da er die einzige Alternative gewesen sei, würde er sich nun absolut unglaubwürdig machen, wenn er einen der beiden verbliebenen Kandidaten unterstützte, gab Schneider zu bedenken. Beifallendes Geklopfe auf die Tische signalisierte die schließlich sehr einvernehmliche Entscheidung, sich am Sonntag in zwei Wochen herauszuhalten. Da allerdings waren Vogt und Tulatz schon wieder fort; der eine hetzte in die Werkstatt, der andere zu den fehlgeleiteten Exner-Plakaten.

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