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Wahlbeobachterin für OSCE : Der zehnte Einsatz führt in die Ukraine

Janina Steinkrüger ist in ihrer Freizeit Wahlbeobachterin für OSCE. Die Parlamentswahl in der Ukraine ist bereits ihr zehnter Einsatz. Bild: Wolfgang Eilmes

Ein besonderes und gefährliches Hobby Janina Steinkrüger engagiert sich als Wahlbeobachterin. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit führt sie schon mal mitten in Krisenregionen.

          Als sie ihrer Mutter einmal erzählte, in Tschad würden internationale Wahlbeobachter gesucht und sie würde sich dafür interessieren, rief diese nur: „Bist du wahnsinnig?“ Ob es die Mutter von Janina Steinkrüger tatsächlich beruhigt, dass ihre Tochter am nächsten Dienstag in die weniger weit entfernt liegende Ukraine aufbricht, um bei den dortigen Parlamentswahlen am 21. Juli für die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, als Wahlbeobachterin aufzutreten, ist nicht bekannt.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die 44 Jahre alte Steinkrüger, im Hauptberuf Büroleiterin der Frankfurter Grünen-Umweltdezernentin Rosemarie Heilig, macht sich keine Sorgen. Auch wenn sie erst nächste Woche in Kiew erfahren wird, in welchem Landesteil der Ukraine sie am darauffolgenden Sonntag Wahlbüros in Augenschein nehmen wird. Ob sie also nahe der Kriegsschauplätze im Osten des Landes eingesetzt wird oder in ruhigen Gebieten.

          Keine Sorgen vor den Einsätzen

          Nein, Sorgen macht sie sich nicht, im Gegenteil. Steinkrüger freut sich darauf, Kiew wiederzusehen und den ein oder anderen des OSZE-Teams. Für die Historikerin, die im Nebenfach in Frankfurt osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert hat, ist es nicht ihr erster Einsatz als Wahlbeobachterin. Seit 2010 geht sie regelmäßig diesem etwas eigenwilligen Hobby nach. Die Parlamentswahl in der Ukraine ist ihr zehnter Einsatz. Zuvor war sie schon in Weißrussland, Kasachstan, Georgien, Kirgisistan und zweimal in Russland.

          Die Ukraine bereist sie bereits zum dritten Mal als Wahlbeobachterin. In manchen der Länder, unter anderem in Kirgisistan, aber auch in der Ukraine und dort ausgerechnet auf der Krim, hat sie schon Urlaub gemacht. Die Länder der früheren Sowjetunion haben es ihr einfach angetan. Steinkrüger spricht, wie sie selbst sagt, leidlich Russisch. Aber sie kann Unterhaltungen führen, und als Wahlbeobachterin hört sie heraus, ob die anderen über das Wetter oder die Politik sprechen. „Das ist hilfreich“, sagt Steinkrüger. Auch wenn die offizielle Sprache der OSZE Englisch ist und ihr ein Übersetzer an die Seite gestellt wird.

          Es sind diese tieferen Einblick in die Politik und Gesellschaft eines Landes, das Wahrnehmen der Stimmung, die Steinkrüger faszinieren und schon so häufig dazu gebracht haben, wertvolle Urlaubstage für dieses ehrenamtliche Engagement einzusetzen. Mittlerweile stellt die Stadt Frankfurt, für die sie seit sieben Jahren arbeitet – zunächst als persönliche Referentin Heiligs und seit Mai als Büroleiterin – Steinkrüger für den gut einwöchigen Einsatz frei.

          Keine geheime Mission

          „Der Wahltag selbst ist harte Arbeit“, sagt sie. Zuvor wird sie sich gemeinsam mit einem Fahrer, dem Übersetzer und einem zweiten internationalen Beobachter genau angeschaut haben, wie sie es schafft, die vorgesehenen Wahlbüros im Laufe des Tages aufzusuchen. „Bei dieser Planung muss man unbedingt auf den Fahrer hören.“ Für Strecken, die auf der Landkarte so aussähen, als könnte man sie binnen kürzester Zeit zurücklege, brauche man mitunter Stunden.

          Am Tag selbst wird sie schon vor dem Öffnen der Wahllokale unterwegs sein. Bis dahin kennt sie auch schon das regionale Wahlkomitee, stellt sich den jeweiligen Wahlvorständen vor. „Wir sind nicht in geheimer Mission unterwegs“, sagt sie. Das Fahrzeug sowie Taschen und Armbinden machten überaus deutlich, dass sie internationale Wahlbeobachter seien. Auf die Armbinde verzichtet Steinkrüger, sie möchte als Deutsche nicht an die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg erinnern. „Die Ukraine hat sehr unter Deutschland gelitten.“

          Stille Zuschauerin

          Während die Bürger wählen, ist Steinkrügers Aufgabe, den Vorgang im Blick zu haben. „Ich darf auf keinen Fall eingreifen, wenn etwas nicht richtig läuft“, sagt sie, „ich bin nur stiller Beobachter.“ Sie, die seit 14 Jahren bei Wahlen in Frankfurt als freiwillige Helferin arbeitet, meint, sie bemerke mittlerweile, ob Fehler absichtlich oder aus Versehen gemacht würden. „Ja“, sagt sie, „man sieht Sachen, die so nicht sein dürften.“

          Sie ist dabei, wenn am Abend die Wahlurnen geöffnet werden, bleibt bis zur Auszählung und der Übergabe der Wahlunterlagen. Erst dann, nicht selten 20 Stunden nachdem sie mit ihrer Wahlbeobachtung begonnen hat, kann Steinkrüger ins Bett. Nicht selten, sagt sie, denke sie an den Folgetagen verstärkt über die Rolle von freien Wahlen und die Demokratie im Allgemeinen nach. Wie sehr sich Menschen in anderen Ländern für etwas einsetzten, was in Frankfurt fast allen als selbstverständlich gilt.

          Ihr Traum ist, als Wahlbeobachterin in einem afrikanischen Land im Einsatz zu sein. Angola oder Moçambique – „das wäre toll“. Portugiesisch spricht sie auch. Bleibt nur die Aufgabe, das ihrer Mutter schonend beizubringen.

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