https://www.faz.net/-gzg-9h8sw

Wahl des CDU-Bundesvorsitz : Entscheidung zwischen Kopf, Herz und Bauch

Kippelig: Ob Merz, Kramp-Karrenbauer oder Spahn die Bundes-CDU führt, entscheiden auch hessische Parteifreunde. Bild: Frank Röth

Wenige Tage vor der Wahl des CDU-Bundesvorsitzenden haben sich längst nicht alle Parteitagsdelegierten aus Hessen festgelegt. Mancher hofft bis zuletzt auf Inspiration.

          4 Min.

          Sara Steinhardt wird in letzter Zeit öfter zur Seite genommen. „Du bist doch Delegierte“, so beginnt das Gespräch meistens. „Da musst Du doch den Merz wählen“, kommt dann als nächstes. Oder aber der zweite Satz lautet: „Du wirst ja wohl AKK deine Stimme geben.“ Steinhardt, die von Donnerstag an den Frankfurter Kreisverband während des CDU-Bundesparteitags in Hamburg vertreten wird, muss lachen, wenn sie das erzählt. Denn für viele Parteifreunde scheint glasklar zu sein, wer die Nachfolge von Angela Merkel antreten soll. Für sie nicht. „Es kann sein, dass ich mich erst bei der geheimen Wahl am 7. Dezember aus dem Bauch heraus entscheide“, sagt die 32 Jahre alte Lehrerin. Sie gehört zu den wenigen der etwa 1.000 Parteitagsdelegierten, die Politik nicht hauptberuflich betreiben.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Steinhardt sitzt in ihrer Wohnung im Frankfurter Stadtteil Gallus. Ihre 16 Monate alte Tochter hat Spaß daran, den Deckel einer Getränkepackung immer wieder auf den Boden zu werfen. Für die Bildungspolitikerin ist immerhin eins klar: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wird die Stimme nicht bekommen. Eigentlich schade, findet Steinhardt. Denn Spahn, der mit 38Jahren deutlich jünger ist als CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, 56, und Wiedereinsteiger Friedrich Merz, 63, finde sie im Prinzip gut. Doch Spahn liege so weit hinten in der Gunst der CDU-Mitglieder, dass viele Delegierte ein Votum für ihn als verschenkte Stimmen werten dürften. „Spahn ist bei vielen schon raus, weil er keine Chance hat.“

          Eine Hand für Spahn

          Favorit im Frankfurter Kreisverband ist Merz. Zumindest wenn eine Probeabstimmung während einer Mitgliederversammlung neulich der Gradmesser ist. Von den 50 Teilnehmern, die angesichts der Bedeutung dieser Personalie eine geradezu verschwindend kleine Gruppe unter den knapp 3.000 CDU-Mitgliedern bildeten, waren 39 pro Merz, zehn für Kramp-Karrenbauer, lediglich ein Mitglied hob die Hand für Spahn.

          Sara Steinhardt war auch dort. Sie sagt, es habe sie überrascht, mit welcher emotionalen Vehemenz manche Kramp-Karrenbauer rundheraus abgelehnt hätten. Mit dieser „zweiten Merkel“, so habe zum Beispiel ein älterer Mann geklagt, werde Deutschland in die nächste Flüchtlingskrise schliddern. Merz hingegen stehe für „alte Werte“. Ein Gegner von Merz wiederum begründete die Ablehnung mit der Sorge, unter dem früheren Fraktionsvorsitzenden im Bundestag werde aus der CDU demnächst eine „AfD light“ werden. Allein diese kleine Beobachtung zeigt, dass sich der Bundesvorsitz im Kern an der Bewertung der Flüchtlingsfrage entscheiden wird. Findet die CDU in Mehrheit das, was Kanzlerin Angela Merkel 2015 betrieb, nach wie vor in Ordnung und dokumentiert das mit einer Wahl der loyalen Merkel-Mitstreiterin Kramp-Karrenbauer? Oder nutzt eine Mehrheit den Parteitag zu einer Abrechnung mit Merkel – und wählt allein deshalb schon Merz?

          An neuem Feindbild abarbeiten

          Steinhardt hört sich seit Wochen alle Argumente an. „Die Vielfalt der Meinungen nehme ich mit nach Hamburg“, sagt sie. Am Vorabend der Wahl gibt es noch diverse Treffen in Hamburg. Unter anderem setzen sich die 88 hessischen Delegierten in einem Saal des Hotels Möwenpick zusammen. Auch da wird Steinhardt genau hinhören. Die elf Frankfurter Delegierten sind aber an keinerlei Vorgabe gebunden: Sie dürfen frei entscheiden. Keinesfalls, so findet Steinhardt, dürfe ein Sieg Kramp-Karrbauers oder ein Merz-Triumph dazu führen, dass das jeweils unterlegene Lager sich an einem neuen Feindbild abarbeite.

          Peter Stephan ist seit Anfang der siebziger Jahre CDU-Mitglied. Von Januar 2008 bis Mai 2017 gehörte der Siebenundsechzigjährige aus Mörlenbach im Odenwald dem Landtag an. Er ist stellvertretender Kreisvorsitzender seiner Partei, Mitglied des Kreistags Bergstraße und gehört der Gemeindevertretung seines Heimatortes an. Als Delegierter hat Stephan schon rund ein Dutzend Bundesparteitage miterlebt, aber das von Donnerstag bis Samstag anstehende Delegiertentreffen ist für ihn etwas besonderes. Zum ersten Mal seit 1971, als Helmut Kohl im Kampf um den Parteivorsitz gegen Rainer Barzel unterlag, haben die Delegierten wieder die Wahl zwischen mehreren aussichtsreichen Kandidaten. Stephan findet: „Das tut unserer CDU, der sogenannten Kanzler-Partei, gut.“

          „Für den ist die Zeit noch zu früh“

          Die Reden, Interviews und öffentlichen Vorstellungsrunden der vergangenen Wochen haben laut Stephan dazu beigetragen, das Profil der Bewerber um den Parteivorsitz zu schärfen. Klar sei, dass Jens Spahn kaum eine Chance habe. „Für den ist die Zeit noch zu früh.“ Die Entscheidung, ob er sich für Kramp-Karrenbauer oder Merz entscheidet, will sich Stephan bis Mittwochabend offenhalten. Dann, am Abend vor dem Parteitag, kommen die Mitglieder des CDU-Kreisverbands Bergstraße zusammen, um über die „aktuelle Situation in der Partei“ zu diskutieren. Bis dahin soll auch ein per E-Mail abgefragtes Stimmungsbild der Basis zur Merkel-Nachfolge vorliegen.

          Beides möchte Stephan noch abwarten. Von den Parteitagsauftritten der Kandidaten hingegen will er sich nicht mehr beeinflussen lassen. „Argumente sammeln, Argumente austauschen und sich dann festlegen.“ Es werde in diesen Tagen erfreulicherweise viel diskutiert über die Zukunft der CDU – in der Partei und darüber hinaus, sagt Stephan. Direkt zu beeinflussen versucht habe ihn niemand. Allerdings werde meist schnell klar, welchem Kandidaten oder welcher Kandidatin der jeweilige Gesprächspartner den Vorzug gäbe. Aus der Sicht des Odenwälders muss in Hamburg die Frage beantwortet werden, wer am besten in der Lage ist, die CDU zukunftsorientiert zu führen und dabei zusammenzuhalten. „Damit es bei uns nicht so weit kommt wie in der SPD: ein Vorsitzender, aber zwei heftig konkurrierende Parteiflügel.“ Grundsätzlich traue er das sowohl Kramp-Karrenbauer als auch Merz zu.

          Christean Wagner hingegen hat eine klare Präferenz. Für den langjährigen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag und Wortführer der Konservativen in der Partei ist Merz der richtige Mann an der Spitze. „Ich bin festgelegt“, sagt Wagner, der seit 1977 zu den hessischen Delegierten bei Bundesparteitagen gehört. Die CDU brauche einen klaren Kurswechsel, das bewiesen die jüngst sehr schlechten Wahlergebnisse. „Mit einem Weiter-so würden wir die Chance verspielen, wieder 40 Prozent und mehr zu erreichen.“

          Der Marburger Wagner hält Merz wegen dessen politischer Erfahrung und staatsmännischen Formats für den „deutlich attraktivsten Kandidaten“ im Kampf um die Parteiführung. „Wenn Friedrich Merz nicht kandidieren würde, würde ich Jens Spahn wählen.“ Aber Spahn sei 25 Jahre jünger als Merz, und ein Scheitern bei der Bewerbung würde deshalb nicht das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Die Tatsache, dass Merz Ende 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden ist und die Bundespolitik seitdem nur noch vom Rande des Spielfelds aus verfolgt hat, ist aus Wagners Sicht kein Nachteil. Im Gegenteil: Merz sei überhaupt nicht belastet von einer Reihe von Fehlentscheidungen, die in den vergangenen Jahren gefällt wurden. „Die Partei“, so glaubt Wagner, „hat ihn nie vergessen.“

          Weitere Themen

          Harry und Meghan geben Titel ab Video-Seite öffnen

          Trennung vom Königshaus : Harry und Meghan geben Titel ab

          Prinz Harry und seine Frau Herzogin Meghan werden nicht länger den Titel „königliche Hoheit“ führen. Für ihre Lebenshaltungskosten müssten sie selbst aufkommen. Die Trennung vom britischen Königshaus haben sich Harry und Meghan selbst gewünscht.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Ein „harter Hund“? Klaus-Michael Kühne fordert stets viel als Investor – das macht nicht nur Freunde.

          Klaus-Michael Kühne : „Ich habe Opfer gebracht“

          Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne hat in seiner Karriere viel erlebt. Im Interview spricht er über einen grünen Bundeskanzler, seinen Kummer mit dem HSV und die dunklen Schatten der Vergangenheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.