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Wahl des CDU-Bundesvorsitz : Entscheidung zwischen Kopf, Herz und Bauch

Peter Stephan ist seit Anfang der siebziger Jahre CDU-Mitglied. Von Januar 2008 bis Mai 2017 gehörte der Siebenundsechzigjährige aus Mörlenbach im Odenwald dem Landtag an. Er ist stellvertretender Kreisvorsitzender seiner Partei, Mitglied des Kreistags Bergstraße und gehört der Gemeindevertretung seines Heimatortes an. Als Delegierter hat Stephan schon rund ein Dutzend Bundesparteitage miterlebt, aber das von Donnerstag bis Samstag anstehende Delegiertentreffen ist für ihn etwas besonderes. Zum ersten Mal seit 1971, als Helmut Kohl im Kampf um den Parteivorsitz gegen Rainer Barzel unterlag, haben die Delegierten wieder die Wahl zwischen mehreren aussichtsreichen Kandidaten. Stephan findet: „Das tut unserer CDU, der sogenannten Kanzler-Partei, gut.“

„Für den ist die Zeit noch zu früh“

Die Reden, Interviews und öffentlichen Vorstellungsrunden der vergangenen Wochen haben laut Stephan dazu beigetragen, das Profil der Bewerber um den Parteivorsitz zu schärfen. Klar sei, dass Jens Spahn kaum eine Chance habe. „Für den ist die Zeit noch zu früh.“ Die Entscheidung, ob er sich für Kramp-Karrenbauer oder Merz entscheidet, will sich Stephan bis Mittwochabend offenhalten. Dann, am Abend vor dem Parteitag, kommen die Mitglieder des CDU-Kreisverbands Bergstraße zusammen, um über die „aktuelle Situation in der Partei“ zu diskutieren. Bis dahin soll auch ein per E-Mail abgefragtes Stimmungsbild der Basis zur Merkel-Nachfolge vorliegen.

Beides möchte Stephan noch abwarten. Von den Parteitagsauftritten der Kandidaten hingegen will er sich nicht mehr beeinflussen lassen. „Argumente sammeln, Argumente austauschen und sich dann festlegen.“ Es werde in diesen Tagen erfreulicherweise viel diskutiert über die Zukunft der CDU – in der Partei und darüber hinaus, sagt Stephan. Direkt zu beeinflussen versucht habe ihn niemand. Allerdings werde meist schnell klar, welchem Kandidaten oder welcher Kandidatin der jeweilige Gesprächspartner den Vorzug gäbe. Aus der Sicht des Odenwälders muss in Hamburg die Frage beantwortet werden, wer am besten in der Lage ist, die CDU zukunftsorientiert zu führen und dabei zusammenzuhalten. „Damit es bei uns nicht so weit kommt wie in der SPD: ein Vorsitzender, aber zwei heftig konkurrierende Parteiflügel.“ Grundsätzlich traue er das sowohl Kramp-Karrenbauer als auch Merz zu.

Christean Wagner hingegen hat eine klare Präferenz. Für den langjährigen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag und Wortführer der Konservativen in der Partei ist Merz der richtige Mann an der Spitze. „Ich bin festgelegt“, sagt Wagner, der seit 1977 zu den hessischen Delegierten bei Bundesparteitagen gehört. Die CDU brauche einen klaren Kurswechsel, das bewiesen die jüngst sehr schlechten Wahlergebnisse. „Mit einem Weiter-so würden wir die Chance verspielen, wieder 40 Prozent und mehr zu erreichen.“

Der Marburger Wagner hält Merz wegen dessen politischer Erfahrung und staatsmännischen Formats für den „deutlich attraktivsten Kandidaten“ im Kampf um die Parteiführung. „Wenn Friedrich Merz nicht kandidieren würde, würde ich Jens Spahn wählen.“ Aber Spahn sei 25 Jahre jünger als Merz, und ein Scheitern bei der Bewerbung würde deshalb nicht das Ende seiner politischen Karriere bedeuten. Die Tatsache, dass Merz Ende 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden ist und die Bundespolitik seitdem nur noch vom Rande des Spielfelds aus verfolgt hat, ist aus Wagners Sicht kein Nachteil. Im Gegenteil: Merz sei überhaupt nicht belastet von einer Reihe von Fehlentscheidungen, die in den vergangenen Jahren gefällt wurden. „Die Partei“, so glaubt Wagner, „hat ihn nie vergessen.“

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