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„Wälsungenblut“ : Kunstgeschöpfe

Mal bürgerliche Gesellschaft, mal mythische Gestalten: Daniel Rothaug (links), Katharina Bach und Mario Fuchs in „Wälsungenblut“. Bild: Karolin Back

Wabernder Narzissmus: Das Regiestudio zeigt „Wälsungenblut“ in der „Box“ des Frankfurter Schauspielhauses, eine Adaption von Thomas Manns gleichnamiger Novelle.

          2 Min.

          Auf einem papiervergoldeten Pferdchen reitet er ein: Hunding scheint geradewegs von Seehofers Siegesfeier zu kommen. Mit einer Maß Bier begießt er sich, bevor er von Siegmund mit einem kleinen Messer aus gigantischer Scheide erlegt wird. Der Weg zu Sieglinde ist frei: Die Zwillinge fallen sich in die Arme. War es das? Nein. Die weiße Box im Foyer des Frankfurter Schauspielhauses öffnet sich endlich.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frische Luft strömt durch drei Türen ins Trockeneisgewaber der „Walküren“- Persiflage. Dahinter wuseln Siegmund und Sieglinde, die Kinder des wohlhabenden Herrn Aarenhold, durcheinander. Sie wollen es ihren Ebenbildern aus Wagners Oper gleichtun und den Widersacher austricksen. Sieglindes Verlobter Beckerath wird noch vor der Hochzeit gründlich gehörnt: durch geschwisterlichen Inzest.

          Preziöses Kostümspektakel

          Als Thomas Mann 1906 seine Novelle „Wälsungenblut“ schrieb, hatte er seine Ehefrau Katia Pringsheim und deren Zwillingsbruder Klaus vor Augen. Graute es ihm vor dem Luxus, in den er ein Jahr zuvor hineingeheiratet hatte? Jedenfalls wollte der Schriftsteller keinen Ärger mit seinen begüterten jüdischen Schwiegereltern. Deshalb publizierte er den Text erst 1921 und mit einer entschärften Pointe. Nicht mehr gehörnt wollen die Geschwister ihn haben, „den Goi“, vielmehr konstatiert Siegmund unter dem Gekicher des Publikums: „Er wird ein minder triviales Dasein führen, von nun an.“ Darum ging es dem Verfasser: die Trivialität des Bürgertums auszuspielen gegen die Besonderheit der Künstlernatur. Aber Siegmund ist gar kein Künstler, sondern nur ein verwöhnter Décadent des neurasthenischen Fin de siècle.

          Mit einer Bühnenadaption dieser Novelle stellt das neue Regiestudio des Frankfurter Schauspiels sein erstes Arbeitsergebnis in der „Box“ vor. Regisseur Alexander Eisenach, als der „Intellektuelle im Dreierbunde“ der sich hier erprobenden Jungregisseure eingeführt, hat ein preziöses Kostümspektakel von anderthalb Stunden aus dem manierierten Text entwickelt: eine Uraufführung mit unterlegtem Walkürenritt und eigens komponierter Popmusik von Friederike Bernhardt.

          Die Kunst genießen, aber nicht selbst gestalten können

          Julia Wassner hat die Protagonisten Katharina Bach und Mario Fuchs doppelt eingekleidet: vornehm als großbürgerliches Zwillingspaar vor der Box, germanisch als mythische Zwillinge im Inneren der Bühnenschachtel. Denn das Publikum muss erst eine Stunde auf den Stufen des Foyers ausharren, bevor es in das kubische Gehäuse gebeten wird.

          In dieser Stunde lernt es die Geschwister Aarenhold und ihren strebsamen Vater kennen, der in Gestalt von Daniel Rothaug veitstanzend die Spielfläche betritt. So viel Bewegungsdrang muss natürlich beruflich ausgelebt und finanziell belohnt werden. Siegmund, in Silberleggings, und Sieglinde, in bordeauxrotem Hosenanzug, können sich vor lauter Wohlstand kaum retten. Vor dem rosa beleuchteten Kamin, auf dem Lüster liegend, doziert zuerst die laszive Sieglinde über Thomas Manns ästhetisches Weltbild, bevor Siegmund in einen Monolog über sein verpfuschtes, noch kaum gelebtes Leben verfällt. Allerdings gibt Mario Fuchs seine ohnehin androgyne Rolle dafür ganz an eine weibliche Gastdarstellerin ab: Sarah Sandeh lamentiert wunderbar über die Malaise eines Narziss, der Kunst genießen, aber nicht selbst gestalten kann.

          Bizarre Komik

          Bühnenbildnerin Lena Schmid hat diese Szenerie in steriles Kunstlicht getaucht. Eine ganz andere Atmosphäre umfängt den Zuschauer, sobald er die Box betritt. Goldene Papierpferdchen baumeln von der Decke, Friederike Bernhardt sitzt mit geflügeltem Walkürenreif und Noten vor einem goldpapierglänzenden Kamin, Trockeneisnebel wabert und nimmt die Sicht. Dann greift die Walküre in die Tasten, und das persiflierte Musikdrama nimmt seinen Lauf.

          Daniel Rothaug, der zuvor Aarenhold und Beckerath abwechselnd gemimt hatte, lässt sich jetzt als Sieglindes versoffener Gatte Hunding abstechen. Unter dem Studio-Ensemble ragt wie schon in den vergangenen Spielzeiten Katharina Bach hervor: mit physischer Beweglichkeit, psychischer Intensität und bizarrer Komik.

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