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Pflegeheim : Tablet statt Fernseher

  • -Aktualisiert am

Dora Völker schaut sich auf ihrem Tablet gerne Dokumentarfilme und Urlaubsvideos an. Bild: Marina Pepaj

Unterhaltung, Service und die Verbindung zur Welt – all das bietet das Internet. Doch viele Altenheim-Bewohner können nicht ins Netz. Immer mehr wünschen sich einen Zugang.

          Dora Völker schaut auf einem Tablet nach ihren E-Mails. Werbebotschaften wischt sie sofort weg. Die zierliche Frau im rosafarbenen Polo-Shirt und mit schwarzer Brille klickt sich flott durchs das Programm–obwohl sie erst vor einem halben Jahr angefangen hat zu surfen. Völker ist 92 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren im Altenpflegeheim Bürgermeister-Gräf-Haus in Oberrad. In ihrem Zimmer hat sie Internet. Das können nicht viele Bewohner der Frankfurter Altenpflegeheime von sich sagen.

          Auf Völkers Tablet sind Dutzende Apps installiert. Eine Freundin hat ihr das Gerät geschenkt und die Programme für sie heruntergeladen, erzählt sie. Völker tippt auf den Bildschirm, öffnet die Wikipedia-App und freut sich. „Ich tippe hier ein, was ich will und bekomme sofort die Antwort.“ Früher ist Völker viel gereist. Sie war in den Alpen, an der Ostsee, im Tessin. Mittlerweile schaut sie sich die Videos von Bergwanderungen aus dem Berner Oberland auf dem Tablet bei Youtube an. Das Alter erlaubt ihr keine großen Touren mehr. Sie sagt: „Jetzt reise ich übers Internet.“

          Mobiles Internet zu teuer

          Auf ihrem Tisch liegt neben den vielen Zeitungen auch ein Notizheft. Auf eine Seite hat sie eine Lupe gemalt, daneben steht mit einem roten Filzstift das Wort „suchen“ geschrieben, auf der nächsten Seite ist eine Klammer zu sehen, „Bilder anhängen“, heißt es dort. Völker hat sich das Internet intuitiv angeeignet und die einzelnen Schritte in ihr Notizheft geschrieben. Mittlerweile schaut sie dort aber kaum noch nach.

          Vor fünf Jahren hätten die ersten Heimbewohner nach Anschlüssen gefragt, berichtet Olaf Höwer, der das Bürgermeister-Gräf-Haus leitet. In dem sogenannten Quartierszentrum wohnten auch Suchtkranke, die oft jünger seien als die üblichen Bewohner eines Altenpflegeheims. Menschen also, die in ihrem Alltag selbstverständlich das Internet nutzen wollen. Doch da es im Heim kein Netz gab, mussten sie auf ihr mobiles Datenvolumen ausweichen. Das habe hohe Kosten verursacht. Dabei sei das Taschengeld der jungen Bewohner ohnehin schon niedrig gewesen, erzählt Höwer. „Wir mussten eine günstigere Lösung finden.“

          Ein W-Lan-Hotspot, wie er zum Beispiel in Hotels üblich sei, wäre für das Pflegeheim aber nicht finanzierbar gewesen, sagt Höwer. Allein um das Signal in dem verwinkelten Gebäude zu verstärken, wären hohe Kosten angefallen. Auch die technische Betreuung sowie die Frage der Betreiberhaftung sprachen gegen flächendeckendes W-Lan. Dafür fehle einfach das Personal. Das Pflegestärkungsgesetz sehe zwar Mittel für die Digitalisierung der Pflege vor. Das Geld sei jedoch vor allem für Kauf und Erweiterung von Software für die Pflegedokumentation gedacht, sagt der Heimleiter. Dadurch sollten Pflegekräfte von bürokratischen Aufgaben entlastet werden. Das Geld reiche dann aber nicht aus, um das Haus mit frei zugänglichem W-Lan auszustatten.

          Dora Völker ist seit einem halben Jahr endlich online.

          Die Lösung lieferte ein Kabelnetzbetreiber, der das Haus mit digitalem Fernsehen versorgt. Über diesen Anbieter konnten sich die Bewohner auch einen Router anschaffen. Sie zahlen einmalig fünfzig Euro für den Empfänger. Die weiteren Kosten für die monatliche Internetnutzung sind dann in den Heimkosten enthalten. Je nach Bedarf können sich die Bewohner so einen Zugang ins Internet verschaffen. Den Vertrag schließen sie mit dem Anbieter direkt ab, dadurch entfalle für das Heim auch die Betreiberhaftung, sagt Höwer. Zurzeit haben im Bürgermeister-Gräf-Haus zwölf der 177Bewohner Zugang zum Internet gebucht. „Doch die Zahl wird steigen“, meint der Heimleiter. Für die Pflegebedürftigen der Zukunft sei das Surfen längst Alltag. Hinzu kommt, dass immer mehr Menschen, die 80 Jahre alt sind, das Internet noch als Arbeitnehmer kennengelernt haben und nicht mehr darauf verzichten wollen.

          Weitere Pflegeheime sollen mit W-Lan ausgestattet werden

          Dennoch stellen bislang nur einzelne Frankfurter Altenpflegeheime ihren Bewohnern einen Internetzugang bereit. Die Einrichtungen der AWO und Caritas bieten nach eigenen Angaben noch kein Internet an. Die Caritas will aber noch im Laufe dieses Jahres das erste von drei Pflegeheimen in der Stadt mit W-Lan ausstatten. Bei den Einrichtungen der Diakonie hingegen verfügen schon drei von sieben Altenpflegeheimen über einen Internetzugang, zumindest im öffentlichen Teil der Einrichtung. In den nächsten Wochen soll in einer weiteren Pflegeeinrichtung ein W-Lan-Testlauf beginnen.

          In den Einrichtungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, zu dem auch das Bürgermeister-Gräf-Haus gehört, stellen einige Träger ihren Bewohnern Router oder Hotspots bereit. Die Nachfrage sei aber noch gering, da ein großer Teil der Bewohner stark pflegebedürftig oder an Demenz erkrankt sei, sagt eine Sprecherin. Trotzdem sind sich alle Betreiber darin einig, dass eine W-Lan-Abdeckung der Altenpflegeheime in Zukunft gewährleistet werden muss. Einige schreiten schon mit größeren Schritten voran. So hat beispielsweise die AWO Hessen Süd nach eigenen Angaben vier ihrer 21 Altenpflegeheime in der Region entsprechend ausgestattet, bei der AWO Nordhessen sind es sogar 16 von 30.

          Die 92 Jahre alte Dora Völker findet es schade, dass bislang nur wenige Altenpflegeheime in Frankfurt ihren Bewohnern eine Möglichkeit zum Surfen bieten. „Das Internet hält jung, fit, und man ist auf dem neuesten Stand“, sagt sie. Das Alter spiele keine Rolle, denn lernen könne man bis an sein Lebensende.

          Für Völker ist das Internet aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. „Der Fernseher läuft bei mir nur noch lautlos im Hintergrund“, erzählt sie. Ab und zu schaue sie zwar noch hin. Meistens sei sie aber auf das Tablet fixiert. Auch Veranstaltungshinweise für Koch- und Gesangskurse bekommt sie per Mail zugeschickt. Sie versuche, sich nicht mehr als drei Stunden täglich mit dem Tablet zu beschäftigen. „Das ist schon eine Sucht“, sagt sie und lacht. Nachts schließt sie das Gerät in ihrem Schrank ein.

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