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Suchthilfe nach Haft : Besserer Schutz vor dem Drogentod in Freiheit

  • Aktualisiert am

Schneller Griff zur Nadel: Das Projekt soll drogensüchtige Haftentlassene schützen. (Symbolbild) Bild: dpa

Die Forscher der Frankfurt University of Applied Sciences haben ein Vorsorgekonzept für süchtige Haftentlassene entwickelt. Teil dessen ist auch ein Notfalltraining für Freunde und Angehörige.

          Kaum in Freiheit, schon in Lebensgefahr: So kann es Drogensüchtigen ergehen, die aus dem Gefängnis entlassen werden. Spritzen sie sich dann wieder Heroin, kann das tödlich sein, weil sie den Reinheitsgrad des Stoffs nicht kennen und ihr Körper nicht mehr an das Rauschgift gewöhnt ist. Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences hat mit seinem Team zwei Jahre lang nach Möglichkeiten gesucht, dieses Risiko zu verringern. Ergebnisse des Projekts, das von der EU mit 400.000 Euro gefördert wurde, hat der Professor jetzt vorgestellt.

          In die Untersuchung waren Sozialarbeiter, Beratungsstellen, Gefängnispersonal, Justizministerien und auch Drogenkonsumenten aus vier europäischen Ländern einbezogen. Beabsichtigt war, mehr über das typische Verhalten süchtiger Haftentlassener zu erfahren, um die Vorsorge verbessern zu können. Hierzu entwickelten die Wissenschaftler Leitlinien für Politiker und Praktiker sowie – zusammen mit Justizbediensteten und Gefangenen – Schulungsunterlagen und Broschüren. Informationsmaterial zum Thema wurde auf der Internetseite www.harmreduction.eu zusammengestellt.

          Extrem hohes Rückfallrisiko

          Weil sich die Entlassenen ihren ersten „Schuss“ oft zu Hause setzen, wurde ein Notfalltraining für Freunde und Angehörige ausgearbeitet. Diese sollen lernen, wie sie dem Abhängigen nach einer Überdosis helfen können. Das lebensrettende Gegenmittel Naloxon müsste laut Stöver bei Bedarf ebenso verfügbar sein wie Substitutions-Medikamente, etwa Methadon. Wichtig sei auch, dass die ehemaligen Gefangenen gleich in eine sichere Wohnung ziehen könnten. In Notunterkünften sei das Rückfallrisiko extrem hoch.

          „Unsere Ergebnisse müssen aufgegriffen werden, um sicherzustellen, dass Menschen mit einer langjährigen Drogengeschichte ausreichend betreut werden“, sagt Stöver. Derzeit sei das leider nicht der Fall: Oft würden Gefangene nach ihrer Entlassung im Stich gelassen. Nach Worten des Forschers sind die Ergebnisse seines Projekts von Justizbehörden in Europa „sehr wohlwollend“ aufgenommen worden. In einigen Gefängnissen würden die Empfehlungen schon in die Tat umgesetzt.

          Der Sprecher des hessischen Justizministeriums teilte auf Anfrage mit, man unterstütze das Ziel, Gefangene nach der Haftzeit vor Rückfällen in die Drogensucht zu schützen. Hierzu setze man schon jetzt auf Substitution, Beratung und Vermittlung der Betroffenen in Therapien. Welche Anregungen aus der Frankfurter Studie verwirklicht werden könnten, prüfe das Ministerium derzeit. Nicht alles, was in der Theorie sinnvoll erscheine, lasse sich auch in der Vollzugspraxis realisieren.

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