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Demokratiezentrum Frankfurt : Sprechende Architektur

Zwei Gebäude wie Rede und Gegenrede: Der Architekt Johannes Peter Hölzinger will der Paulskirche ein Gegenüber geben. Bild: Sandra Schildwächter

Der Frankfurter Paulsplatz soll im Rahmen von Renovierungsarbeiten neu gestaltet werden. Einen Vorschlag für den Bau eines Demokratiezentrums hat der Architekt Johannes Peter Hölzinger gemacht.

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          In der Debatte um das geplante Demokratiezentrum in der Nähe der Paulskirche plädiert der Architekt Johannes Peter Hölzinger für den Paulsplatz als Standort. Hölzinger, emeritierter Professor für Architektur an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, hält es schon aus städtebaulichen Gründen für geboten, den größeren Teil des Paulsplatzes zu bebauen. Das sei notwendig, um der Paulskirche jenen Halt in einem Gebäudeensemble zu geben, den sie bis zur Zerstörung der Altstadt im Jahr 1944 und dem anschließenden, die alte Stadtstruktur negierenden Wiederaufbau gehabt habe, sagt Hölzinger, der mehrfach mit Vorschlägen zur Frankfurter Stadtgestalt hervorgetreten ist. Zudem würde eine solche Bebauung die historisch bedeutende Straße Neue Kräme, die heute nicht vom Paulsplatz zu unterscheiden sei, wieder erlebbar machen, und der Römerberg erhielte die dringend benötigte Kontur an seiner Nordseite zurück.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Für Hölzinger besteht das Demokratiezentrum aus zwei Teilen – der Paulskirche selbst und dem Neubau, in dem Räumlichkeiten für Versammlungen, Diskussionsveranstaltungen, Ausstellungen und Fortbildungen, aber auch für gastronomische Angebote Platz finden könnten. Die Paulskirche ist für ihn Ort der „gesetzten“ Repräsentation, in dem sich die demokratische Öffentlichkeit ihrer grundlegenden Verfassungsgrundsätze selbst versichert, der Neubau soll dagegen als „Haus des Dialogs“ dienen, in dem jene Dinge verhandelt werden, die gesellschaftlich und politisch noch in der Schwebe sind.

          Dieser enge Bezug beider Gebäude aufeinander soll auch architektonisch Ausdruck finden, indem die Kubatur des Neubaus nach Hölzingers Vorstellungen auf jene der Paulskirche reagiert. Die konvexe Wölbung des einstigen Gotteshauses solle das Demokratiezentrum durch eine konkave Form spiegeln, wie Rede und Gegenrede. Beide Gebäude sollen recht eng beieinanderstehen, nur etwa zehn Meter sollen sie voneinander trennen. In der Höhe würde sich das Haus des Dialogs der Paulskirche unterordnen, es würde ihr in etwa bis zum Gurtgesims zwischen den beiden Fensterreihen reichen. Der Umriss der Paulskirche könnte zudem durch ein Lichtband im Boden hervorgehoben werden.

          Anstoß zur Debatte liefern

          In der konkreten Ausformung des viergeschossigen Neubaus kommt Hölzinger jenen, die sich für einen Erhalt des heutigen Erscheinungsbilds des baumbestandenen Paulsplatzes aussprechen, ein Stück weit entgegen. Hölzinger schlägt vor, das Haus des Dialogs in einen nördlichen und einen südlichen Baukörper zu teilen. Zwischen ihnen befände sich eine große Halle mit Glasdach, in der auch Platz für Bäume wäre. Diese Halle wäre eine Art Agora, die für Diskussionsveranstaltungen genutzt werden könnte. Im Alltag könnte es dort aber auch gastronomische Angebote geben.

          Eine endgültige Architektur hat Hölzinger nicht entworfen, es geht ihm um die stadträumliche Wirkung des Ensembles. Er versteht seinen Vorschlag als Anstoß für die Debatte um das Demokratiezentrum.

          Um die städtebauliche Einfassung der Paulskirche vollständig zu machen, spricht sich der Architekt für eine Bebauung auch des heutigen Parkplatzes auf ihrer Westseite neben der Kämmerei aus, auch der dortige Neubau sollte seiner Meinung nach mit einer konkaven Rundung auf die Kirche reagieren. Für Gestalt und Nutzung dieses Neubaus hat er aber noch keine konkreteren Vorschläge entwickelt.

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