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Vorlesungen im Internet : Der virtuelle Hörsaal

  • -Aktualisiert am

Für zu Hause: Abbildung einer Internet-Vorlesung. Bild: F.A.Z.

Professoren stellen Vorlesungen ins Netz und eröffnen dazu Diskussionsforen: An solchen Online-Kursen kann jeder teilnehmen. Die Leistung dort wird aber nicht immer anerkannt.

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          Einfach online registrieren, und schon ist man im Kurs. Jede Woche ein neues Thema, multimedial verabreicht: Texte und animierte Schaubilder, Videos, in denen der Dozent Inhalte näher erläutert, zwischendurch Literaturverweise. Dazu Foren für den Austausch mit anderen Teilnehmern, vielleicht ein paar Blogs und Links zu Twitter. Denn die zahlreichen Studenten verteilen sich vermutlich über die ganze Welt. Sie brauchen keinen Abschluss und müssen nichts zahlen. Alles, was sie benötigen, ist ein Internet-Zugang. So funktioniert ein „Massive Open Online Course“ (MOOC).

          Der Trend zu Online-Lehrveranstaltung kommt aus den Vereinigten Staaten. Anfänglich stellten Dozenten ihre Vorlesungen einfach ins Netz, mit der Zeit bauten sie das Angebot aus, fügten Tests und Diskussionsforen hinzu. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Startup-Unternehmen wie Coursera und Udacity, die MOOCs von Hochschullehrern aus aller Welt im Netz anbieten; auch in Deutschland existieren solche Firmen. Die Kurse von prominenten Dozenten verfolgen bis zu 100.000 Leute.

          Der Computer wertet die Tests aus

          Auf einer Tagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft haben Experten in Frankfurt über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der MOOCs diskutiert. An den deutschen Hochschulen setze man sich intensiv mit dem Thema auseinander, sagt Claudia Bremer, Geschäftsführerin von Studium digitale, dem e-Learning-Zentrum der Goethe-Uni, das die Konferenz mitveranstaltet hat.

          So vielfältig die Lernmethoden und so divers die Möglichkeiten, die das Internet bietet, so verschieden können auch MOOCs gestaltet sein. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterscheiden. Bei sogenannten xMOOCs steht die Vermittlung von Inhalten im Vordergrund, wie Jürgen Handke von der Uni Marburg erklärt. Der Linguistik-Professor nutzt das Internet seit vielen Jahren zur Unterstützung seines Unterrichts. Im Frühjahr stellte er dann erstmals einen MOOC ins Netz, an diesem Sonntag beginnen drei weitere. Dazu haben sich Handke zufolge schon mehr als 1100Leute angemeldet. Die Hauptarbeit des Dozenten ist getan, sobald er die Kurse aktiviert hat. „Danach sind die Teilnehmer auf sich gestellt.“ Am Ende jeder Sitzung stehen Testaufgaben bereit, um das Gelernte abzufragen, ein Computer wertet sie aus.

          Schwierige Anerkennung der Leistungen

          Andere Kurse basieren auf der Lerntheorie des Konnektivismus, daher heißen sie in der Fachwelt cMOOCs. Hierbei spielt die Vernetzung der Lernenden untereinander eine wichtige Rolle. „Lernziele werden hier weniger explizit formuliert, die Teilnehmer sollen aktiv den Kurs mitgestalten“, erläutert Bremer. Seit 2011 hat sie mit Kollegen drei derartige Online-Kurse abgehalten. Der Dozent stellt Materialien zur Verfügung, die Teilnehmer diskutieren in Foren und über Twitter und können in eigenen Blogs Beiträge verfassen, die auf der Kursseite gebündelt werden. Viele der Mitwirkenden waren Bremer zufolge selbst Dozenten oder arbeiteten in der Erwachsenenbildung.

          Schwierig ist noch die Anerkennung der Leistungen, die ein Teilnehmer erbringt, wenn er einen MOOC absolviert. In den Modellen von Handke und Bremer können je nach Umfang der Leistung und mitunter gegen Gebühr Zertifikate erworben werden. Leistungspunkte für Studenten werden hierzulande derzeit nur in Verbindung mit einer Präsenzveranstaltung vergeben. Ohne Erfolg habe er hierüber mit dem Präsidium der Uni Marburg verhandelt, sagt Handke. „Dafür müssten die Hochschulgesetze geändert werden.“

          Eher eine Ergänzung

          Zurzeit unterstützen Hochschulen nach Bremers Ansicht die Projekte vor allem aus Prestigegründen. Für die Zukunft müssten jedoch geeignete Geschäftsmodelle entwickelt werden. Unternehmen, die MOOCs anbieten, könnten im Gegenzug die Veranstaltungen als Assessment-Center benutzen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Firmen und Universitäten sei in den Vereinigten Staaten gang und gäbe, und auch in Deutschland sollte darüber nachgedacht werden, meint Bremer. Angesichts von Personalknappheit sieht Handke in den MOOCs eine Möglichkeit für die Unis, Geld einzusparen. Er stellt sich vor, dass etwa Einführungskurse ins Internet verlagert werden. Die seien an jeder Uni mehr oder weniger gleich, daher könnten die Studenten landesweit dieselbe Vorlesung verfolgen. Die gewonnene Zeit könnten die Dozenten viel sinnvoller in ihre Forschung investieren, oder sie könnten zusätzliche Seminare geben, findet der Linguist.

          Dass die akademische Ausbildung künftig hauptsächlich im Internet stattfindet, glauben die beiden Wissenschaftler nicht. Bremer sieht MOOCs vor allem als Ergänzung zu Präsenzveranstaltungen. Studenten könnten so beispielsweise Kurse von Dozenten anderer Universitäten belegen. Zudem ermögliche ein solcher Online-Kurs einen Austausch mit Studierenden aus anderen Ländern und wegen der offenen Teilnahme auch mit Menschen aus verschiedenen Berufen. „Es werden Leute zusammengebracht, die sich sonst nicht treffen würden.“

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