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Günstige Arbeitskräfte : Rumänische Bauarbeiter kritisieren Lohnprellerei

Geprellt: Rumänische Bauarbeiter fordern Geld für geleistete Arbeit. Bild: Jochen remmert

Der Subunternehmer einer Offenbacher Baufirma hat offenbar Entgelt nicht gezahlt. Doch die sieht sich nicht in der Pflicht. Jetzt fordern die rumänischen Bauarbeiter ihren Lohn ein.

          Sie haben den Rohbau einer Kindertagesstätte in Rüsselsheim erstellt, Wohnungen in Frankfurt, Seligenstadt und anderswo gebaut, aber offenbar immer nur einen Bruchteil des Lohns erhalten, der ihnen für ihre Arbeit zusteht. Deshalb hat sich gestern ein halbes Dutzend rumänischer Bauarbeiter vor dem Tor der Offenbacher Baufirma F. W. Müller versammelt, um den Lohn einzufordern, den ihnen ein Subunternehmer des alteingesessenen Offenbacher Betriebs schuldet – alles in allem rund 36.000 Euro. Ursprünglich hatten mehr als doppelt so viele Rumänen beim Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen und den Gewerkschaften um Hilfe gebeten, einige haben aber inzwischen aufgegeben, das Geld abgeschrieben und sich anderswo einen Job gesucht, wie gestern zu erfahren war.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Die Geschäftsführung von F. W. Müller hat diese Zeitung auf Anfrage wissen lassen, dass sie nachweislich alle von dem Subunternehmer, der slowenischen Firma Nicevic mit Zweigniederlassung in Heusenstamm, gestellten Rechnungen beglichen habe. Deshalb sehe sich F. W. Müller nicht in der Pflicht, ausstehenden Lohn zu zahlen, zumal die protestierenden Arbeitnehmer offenbar nicht nachweisen könnten, von wann bis wann sie wo was gearbeitet hätten.

          Sehr wohl für ausstehendes Entgeld haften

          Dem hält Michael Baumgarten vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen und dem DGB-Projekt „Faire Mobilität“ entgegen, dass das Offenbacher Bauunternehmen nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz sehr wohl für die ausstehenden Entgelte hafte, nämlich als Generalunternehmer. Die Geschäftsleitung der Firma Müller bestreitet allerdings, überhaupt Generalunternehmer zu sein, weshalb auch die Generalunternehmerhaftung des Entsendegesetzes eigentlich nicht greife.

          Gegenüber dem Wanderarbeiter-Verein hatte F. W. Müller angegeben, dass man ebenfalls festgestellt habe, dass der Subunternehmer Nicevic nicht korrekt abgerechnet habe, weshalb man die Geschäftsbeziehungen beendet habe. Gespräche mit den Arbeitern über eine gütliche Regelung habe Müller mit dem Verweis darauf abgelehnt, dass die Bauarbeiter eben keinen detaillierten Nachweis vorlegen könnten, wann sie wo wie lange was gearbeitet hätten. Dazu muss man wissen, dass die rumänischen Bauarbeiter nur wenige Worte Deutsch sprechen und auch kaum lesen können, was ihnen an Abrechnungen und Verträgen vorgelegt wird. Die oft über Bekannte in Rumänien angeheuerten Männer waren auf vage Auskünfte von Kollegen angewiesen, bevor sie sich an den Wanderarbeiter-Verein wandten.

          Von Subunternehmen abgedeckt

          Johannes Schader, Gewerkschaftssekretär der IG Bau, die den Protest ebenfalls unterstützt, hält es für skandalös, dass F. W. Müller versuche, sich der Generalunternehmerhaftung zu entziehen. Auch als Vorunternehmer sei man verantwortlich. Für Schader ist die Offenbacher Firma ein typischer Fall der Praxis in der Baubranche: Früher habe Müller noch mit eigenen Bauarbeitern gearbeitet. Inzwischen beschäftige das Haus nur mehr 30 Leute, betreibe aber Baustellen mit etwa 300 Arbeitern. Das Gros werde also von Subunternehmern abgedeckt, die nicht selten ihren Hauptsitz in osteuropäischen Staaten hätten und meistens Rumänen oder Bulgaren als Arbeiter beschäftigten, weil die am billigsten seien.

          Diese Entwicklung liegt laut Tobias Huth, Organisationssekretär des DGB Südosthessen, auch an der Vergabepraxis in Deutschland, die sich im Grunde und entgegen allen Beteuerungen nach wie vor überwiegend nach dem Preis richte. Zum Beispiel stünden die in aller Regel finanziell eher schlechtgestellten Kommunen selbst unter Druck, Kitas zur Verfügung zu stellen, die Eltern nichts kosten sollten. Am Ende stehe dann die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte wie der rumänischen Bauarbeiter, für die auch die Auftraggeber mitverantwortlich seien.

          Einer der Leidtragenden ist der 43 Jahre alte Constantin M. aus Rumänien. Er berichtete gestern, dass er immer wieder beim Arbeitgeber Arbeitspapiere angefordert habe – und ausstehenden Lohn. Denn tatsächlich sei immer nur ein Bruchteil der geleisteten Stunden entlohnt worden. Das habe zur Folge gehabt, dass es oft nicht einmal mehr für Essen und Trinken und die Miete gereicht habe, berichtete M.

          Wie er wohnen viele seiner Kollegen in einem einschlägig bekannten Wohnheim an der Erzbergerstaße in Frankfurt. In dem privat betriebenen Haus wurden schon vor Jahren nach Angaben von Arbeitern für ein Bett in einem Vierbettzimmer mehr als 250 Euro verlangt. Es ist eines der Frankfurter Häuser, in denen schon viele jener rumänischen Wanderarbeiter gewohnt haben, die seinerzeit auf den Hotelbaustellen an der Messe um Lohn geprellt worden waren.

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