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Vor allem Witwen betroffen : „Verschämte Armut“ auf dem Land

  • Aktualisiert am

Nahrungskette: Menschen warten an einer Essensausgabe auf Brot. Bild: Getty Images

Arme gibt es nicht nur in der Stadt. Auf dem Land werde Armut noch häufig übersehen, kritisieren Fachleute. Vor allem Witwen seien betroffen.

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          Einsam auf der Hofreite statt obdachlos auf der Straße: Armut auf dem Land bleibt aus Sicht von Fachleuten noch häufig im Verborgenen. „In der aktuellen Diskussion wird sehr stark urbane Armut in den Blick genommen. Diese Fokussierung blendet leider oft Armut auf dem Land aus“, sagte der evangelische Propst für Oberhessen, Pfarrer Matthias Schmidt, gestern in Gießen. Die Not in den ländlichen Regionen sei nicht so leicht zu entdecken wie etwa in städtischen Problemvierteln. Er forderte mehr Aufmerksamkeit dafür.

          In den ländlichen und strukturschwachen Regionen Hessens sind nach Einschätzung des Sozialverbands VdK vor allem ältere Menschen von Armut bedroht. Und viele Betroffene versteckten aus Scham ihre Armut, wie der Referent für Ethik und Armutspolitik im Diakonischen Werk in Hessen und Nassau, Alexander Dietz, erläuterte. „Altersarmut und diese verschämte Armut würden sowohl im Armutsbericht der Landesregierung als auch der Bundesregierung vernachlässigt. Diese Menschen tauchten in der Statistik nicht auf, sagte der Experte. „Sie sitzen zu Hause und tun alles, damit die Nachbarn nicht merken, dass sie arm sind.“ Propst Schmidt zählte zu den Ursachen von Armut in den Dörfern fehlende qualifizierte Jobs, erschwerten Zugang zu Bildungsangeboten sowie schlechte Busverbindungen.

          Nur noch ein Teil der Rente

          Mit einer Tagung am 16. März wollen die evangelische Kirche und die Diakonischen Werke in Mittelhessen das Thema der Armut auf dem Land in den Fokus rücken. Ziel sei es, vor allem in Kirchengemeinden Ideen vorzustellen, wie geholfen werden könne. Es gebe schon Projekte wie die Tafeln, Nachbarschaftshilfe oder Haushaltskurse.

          Referent Dietz zufolge sind alleinstehende ältere Frauen besonders betroffen: „Wenn der Ehepartner stirbt - meist ist das zuerst der Mann -, ist nur noch ein Teil der Rente da, der oft nicht reicht, um das Häuschen oder die Wohnung zu erhalten. Und dann ist plötzlich die Zwangsräumung da.“ Viele lebten unter Hartz-IV-Niveau. „Wenn sie nicht noch ein bisschen was aus dem eigenen Garten haben und sehr gut wirtschaften können, kämen sie gar nicht zurecht.“ Obwohl sich viele schämten, sei der Anteil der älteren Menschen bei den Tafeln auf dem Land mit schätzungsweise 25 Prozent überproportional hoch.

          Persönliche Gespräche

          Anders als die Mitarbeiter vieler Sozialverbände kämen Pfarrer eher in die Haushalte der von Armut betroffenen Witwen, sagte Dietz. „Das ist eine Chance, an die Leute ranzukommen und sie dazu zu bringen, sich Hilfe zu holen.“ Denn viele Betroffene müssten gar nicht in Armut leben, wenn sie die finanziellen Leistungen nachfragten und dann auch bekämen, die ihnen zustünden.

          Die Diakonie versucht nach eigenen Angaben den Betroffenen nicht nur mit persönlichen Gesprächen und niedrigschwelligen Beratungsangeboten zu helfen. In den rund zehn Mehrgenerationenhäusern in Hessen in diakonischer Trägerschaft sollen Ältere die Chance bekommen, aus ihrer Isolation heraus- und mit Jüngeren zusammenzukommen.

          Ein neuer Schwerpunkt ist die Gemeinwesen-Diakonie: Dabei versuchen die Kirchengemeinden zusammen mit regionalen diakonischen Einrichtungen den Lebensraum unter anderem für ältere Menschen in einem Dorf oder Stadtteil lebenswerter zu gestalten.

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