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Thomas Mann über Deutschland : Die Tiefe dieses Hasses

In Weimar wiederholte Thomas Mann seine Frankfurter Goethe-Rede. Bild: DLA Marbach

Heute vor 70 Jahren sprach Thomas Mann in der Frankfurter Paulskirche zum ersten Mal nach seiner Vertreibung wieder auf deutschem Boden. Es ging um die Stellung Deutschlands nach dem Grauen durch den Nationalsozialismus.

          7 Min.

          Das nennt man dann wohl die hohe Schule der Untertreibung: Als Thomas Mann heute vor 70 Jahren an das Rednerpult der Frankfurter Paulskirche trat, fasste er die lange Zeit des erzwungenen Exils, das für ihn im Februar 1933 auf einer Lesereise durch Holland begonnen hatte, aufs Äußerste gerafft zusammen. Anstatt von Ausbürgerung und Weltkrieg spricht er in Frankfurt von „sechzehn von Geschehen überfüllten Jahren“. Es ist der überaus taktvolle Beginn einer Rede, in der er seinen ehemaligen Landsleuten in freundlichster Form einige unliebsame Wahrheiten serviert.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist der 25. Juli 1949. Mann ist 74 Jahre alt, seit zwei Jahrzehnten Literaturnobelpreisträger, seit fünf Jahren amerikanischer Staatsbürger, hat zwei Jahre zuvor am Stockholmer Exilsitz seines alten Verlags S. Fischer den Roman „Doktor Faustus“ veröffentlicht, der trotz des noch immer darniederliegenden Buchhandels in die dritte Auflage geht, und ist zum ersten Mal zurück in dem, was einmal seine Heimat war.

          200 Jahre Goethe

          Nach Frankfurt gekommen ist er, um über Goethe zu sprechen, dessen 200. Geburtstag am Geburtsort des Dichters ebenso wie in Weimar gefeiert werden soll, hier wie da mit Mann als Hauptredner. In Frankfurt spricht er in einem Bauwerk, das als Sitz der Nationalversammlung von 1848 eng mit dem Parlamentarismus verknüpft ist, von dem der Autor einst selbst nicht viel hielt. Nach den Zerstörungen des Krieges ist das ehemalige Gotteshaus mit Spenden aus allen Besatzungszonen rasch wieder aufgebaut worden, um zur Hundertjahrfeier des Paulskirchenparlaments am 18. Mai 1948 fertig zu sein. Schon zu diesem Fest hat Walter Kolb, Frankfurts 1946 gewählter sozialdemokratischer Oberbürgermeister, Mann als Festredner zu gewinnen versucht. „Bewahr mich Gott“, hatte der Autor damals im Tagebuch notiert.

          Dabei wurde genau in diesen kalifornischen Frühlingswochen des Jahres 1948 die Entscheidung des Autors für eine Deutschlandreise im folgenden Jahr getroffen. Mann wusste, dass er zu Goethes Zweihundertjahrfeier nicht um sie herum kommen würde. „Halb und halb hatte ich immer gehofft, der Kelch dieses Wiedersehens werde an mir vorübergehen“, heißt es in einem Brief. Wiederholt aber sei ihm bewusst geworden, dass es auf Dauer unmöglich sein werde, den Besuch der Heimat zu vermeiden.

          Sorge um Rückkehr

          Nun ist er also da. Manns Rede zum Goethejahr ist eine der frühesten Feierlichkeiten der Stadt in der neu hergerichteten Kirche. Sie mag einige ihrer Hörer darüber hinweggetröstet haben, dass Frankfurts Hoffnungen auf einen neuen deutschen Parlamentssitz sich zweieinhalb Monate zuvor zerschlagen hatten. Am 10. Mai hatte der Parlamentarische Rat in Bonn die Frage des vorläufigen Sitzes von Parlament und Regierung mit 33 zu 29 Stimmen für die kleine Stadt am Rhein und gegen Frankfurt entschieden. Immerhin gibt es im Westen Deutschlands wieder eine über die alliierte Besatzung hinausgehende Staatlichkeit. Und sogar eine demokratisch-rechtsstaatliche: Seit null Uhr morgens am 24. Mai 1949 gilt das Grundgesetz, seit diesem Zeitpunkt gibt es die Bundesrepublik Deutschland.

          Der erste Bundestag wird allerdings erst drei Wochen nach Manns Besuch gewählt, am 14. August, da sind der Schriftsteller und seine Frau Katia mit dem Schiff schon wieder in den Vereinigten Staaten angekommen, in denen sie seit 1938 leben. Weimar, wo Mann im Nationaltheater am 1. August seine Frankfurter Rede wiederholt, liegt während der kleinen Deutschlandtournee des Paares noch in der Sowjetischen Besatzungszone. Die Gründung der DDR erfolgt erst im Herbst.

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