https://www.faz.net/-gzg-7inuv

Volle Hörsäle : Zur Not gibt es die Vorlesung auch auf Video

Bodenpersonal: In der Jura-Vorlesung „Strafrecht III“ bekommt längst nicht jeder einen regulären Sitzplatz. Bild: Kretzer, Michael

Die Goethe-Universität hat so viele Studenten wie noch nie. Das bringt manche Schwierigkeiten mit sich. Doch von Chaos will nicht einmal der AStA sprechen.

          3 Min.

          Wer nicht früh genug kommt, muss die Stunde auf der Hörsaaltreppe absitzen: Dies ist das erste Gesetz, das die angehenden Juristen in der Vorlesung „Strafrecht III“ kennenlernen. Es ist kurz nach 13 Uhr, die Veranstaltung hat gerade erst begonnen, doch die Luft im überfüllten Saal hat schon Treibhausqualität.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Durch den von Studenten belagerten Aufgang zieht die Abwärme der Lernfabrik hinauf zur Saaltür. Dort stehen Giorgio Nasseh und Matteo Minden. Die beiden studieren ebenfalls Jura, aber heute sind sie nicht zum Zuhören hier, sondern um sich ein Bild von der Lage auf dem Campus zu machen. Wieder einmal hat die Frankfurter Universität zu Beginn des Wintersemesters Rekordzahlen gemeldet; rund 8700 Anfänger haben sich diesmal angemeldet. Wie die Hochschule damit klarkommt, interessiert Nasseh und Minden auch von Amts wegen: Der eine ist AStA-Vorsitzender, der andere Präsident des Studentenparlaments.

          Nicht gleich das Uni-Präsidium beschimpfen

          Nasseh hat sich nun auch noch für die Fächer Politik und Geschichte eingeschrieben. In seiner ersten Politikvorlesung war es ähnlich voll wie heute bei den Strafrechtlern. „Der Dozent hat pragmatisch reagiert“, berichtet der Studentenvertreter. „Die Vorlesung wird jetzt auf Video aufgezeichnet.“ Bei akuter Platznot seien Mitschnitte, die dann ins Internet gestellt würden, die einfachste Lösung. Nicht, dass Nasseh davon begeistert wäre. Wenn man immer öfter über den Bildschirm statt live belehrt werde, dann verändere das den „Geist“ einer Universität. Aber die Hochschule könne nun einmal nicht alle Raumprobleme auf einen Schlag beheben. „Man muss realistisch bleiben.“

          Anders als manche seiner Amtsvorgänger neigt Nasseh nicht dazu, sofort das Uni-Präsidium zu beschimpfen, wenn sich irgendwo Missstände zeigen. Er glaubt, dass die Universität ihr Bestes tue, um mit den hohen Studentenzahlen zurechtzukommen. Kritik sei eher an das Land zu richten, das mehr Geld für seine Hochschulen bereitstellen müsse. Auch sonst ist Nasseh und Minden die Aufgeregtheit fremd, mit denen mancher Beobachter die aktuelle Lage an den Unis kommentiert. Worte wie „Chaos“ oder „Infrastruktur-Desaster“ kommen den beiden Mitgliedern der Juso-Hochschulgruppe nicht über die Lippen.

          „Bei den Juristen nicht so drastisch“

          Es ist aber auch nichts von Chaos zu bemerken an diesem Donnerstagnachmittag auf dem Westend-Campus. Dass ein Saal so überbelegt ist wie bei den Strafrechtlern, scheint die Ausnahme zu sein. Und in der Casino-Mensa sind die Schlangen auch nicht länger als in jeder Firmenkantine um die Mittagszeit. Knapper als Mensatische sind andere Platz-Ressourcen: Vor dem PEG-Gebäude, dem Neubau der Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften, findet sich kaum noch ein Fleckchen, auf dem sich ein Fahrrad sicher abstellen ließe. In der Eingangshalle des PEG-Baus sieht Nasseh etwas, das ihn zuversichtlich stimmt: Neben dem mit Aushängen zugepflasterten Treppenaufgang hat sich ein Bücherflohmarkt breitgemacht. „Hier entwickelt sich langsam so etwas wie studentische Kultur“, stellt der AStA-Sprecher fest. Auch das „StuCa“, das studentische Café im ersten Stock, gefällt Nasseh. „Wir wünschen uns mehr solcher Freiräume.“ Lebhaft geht es schon zu auf den Fluren, doch von der Raumnot, über die vor allem die Erziehungswissenschaftler klagen, ist auf den ersten Blick nichts zu bemerken.

          Auf der anderen Seite des Campus, bei den Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlern, ist es im ersten Stock kühl und still, nur drei Studenten haben sich in der Halle niedergelassen. Die Ruhe hier ist aber auch nicht verwunderlich, schließlich finden die großen Vorlesungen nebenan im Hörsaalzentrum statt. Trotz der Zustände dort urteilt Studentenvertreter Minden: „Die Überfüllung ist bei den Juristen nicht so drastisch.“ Nasseh findet allerdings den Platzmangel in der Fachbereichsbibliothek „schlimm“: Während der Hausarbeitenphase würden am Eingang die Studentenausweise kontrolliert, um zu verhindern, dass auch Schüler in der Bibliothek an ihren Referaten arbeiteten.

          Ab Januar gibt es einen Seminarpavillon

          Das bestätigt Albrecht Fester, der Standortbevollmächtigte der Universität. Die Bibliotheken auf dem Westend-Campus seien „ausgelastet“; 200 bis 300 zusätzliche Lernplätze „könnten wir durchaus vertragen“. Die dritte Ausbaustufe des Westend-Campus mit einer zusätzlichen Bereichsbibliothek könne hier von 2017 an Entlastung bringen. Schon früher soll der Mangel an Fahrrad-Stellplätzen behoben sein: „Wir verdoppeln die Kapazitäten.“

          Insgesamt sieht Fester die Lage zu Semesterbeginn recht entspannt. „Da stehen mal ein paar Leute draußen vor den Saaltüren, aber in drei, vier Wochen ist es damit vorbei.“ Von Januar an werde auch der neue Seminarpavillon mit Räumen für Gruppen von bis zu 70 Leuten zur Verfügung stehen. Und dann gebe es immer noch die Möglichkeit, hier und da eine Veranstaltung auf den naturwissenschaftlichen Campus am Riedberg zu verlegen.

          Dort bekommen Nasseh und Minden bei ihrem Rundgang keine Treppenhörer-Gesellschaften zu sehen. Genug freie Plätze gibt es auch noch in der Cafeteria und auf den schwarzen Sofas vor den Hörsälen im Otto-Stern-Zentrum. „Hier ist die Lage relativ entspannt“, urteilt Nasseh. Am Riedberg stört ihn vor allem eines - das Fehlen von Geschäften und Lokalen in der Umgebung, die für Studenten attraktiv sind. Das gleiche Problem sieht der AStA-Vertreter im Westend: „Außer einem Rewe-Markt ist da nicht viel.“ Nasseh nimmt es mit sarkastischem Humor: „Sollte es nach dem Studium mit dem Job nicht klappen, mache ich am Westend-Campus einen Falafel-Stand auf. Der läuft bestimmt gut.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.