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Aufführung im Staatstheater : Vom Reifrock verschluckt

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Der richtige Autor für diese merkwürdige Zeit: Gottfried Herbe und Evelyn M. Faber spielen in gehörigem Abstand Becketts „Glückliche Tage“. Bild: Karl und Monika Forster

An Absurdität nicht zu überbieten: Uwe Eric Laufenberg hat in kürzester Zeit Samuel Becketts „Glückliche Tage“ auf die Bühne des Staatstheaters Wiesbaden gebracht.

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          Loriot hätte seine helle Freude gehabt. Im Parkett und auf den Rängen im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden suchen maskierte Zuschauer nach ihren Plätzen, zählen leere Sitze und werden vom noch nicht optimal auf die ungewohnten Bedingungen eingestellten Personal hin und her dirigiert. Da es keine Platzkarten, sondern nur Reihenkarten gibt, werden alle Reihen nach und nach gefüllt, und zwar immer so, dass genügend Abstand ist und sich auch niemand, wie sonst üblich, an bereits sitzenden Zuschauern vorbeiquetschen muss. Als der Vorhang sich für Samuel Becketts 1961 uraufgeführten Zweiakter „Glückliche Tage“ öffnet, haben deutlich weniger als die erlaubten zweihundert Zuschauer auf den über tausend Sitzen Platz genommen und den Mundschutz nun wieder abgesetzt. Offenbar überwiegt beim Theaterpublikum der Landeshauptstadt im Moment noch die Vorsicht.

          Dabei bietet Uwe Eric Laufenbergs Beckett-Trilogie, nach „Glückliche Tage“ folgen „Endspiel“ und „Warten auf Godot“, die in kürzester Zeit geprobt und nun als den Umständen angepasstes Theater-Notprogramm bis zu den Sommerferien mehrfach gespielt werden sollen, mehr als nur ein trotziges Aufbegehren gegen die Bühnensperre. Eine bessere Gelegenheit, sich einmal unter sehr besonderen Bedingungen drei Theaterhöhepunkten des zwanzigsten Jahrhunderts zu nähern, sie auf überdimensionierter Bühne, nahezu ohne alle Geräusche des Publikums hochkonzentriert und in bequemer Sitzhaltung zu sehen und zu hören, wird sich so bald nicht mehr bieten. Mancher wird sagen: Hoffentlich.

          Ein kommoder Erdhügel mit wohlgeformten Klumpen

          Wäre das ganze Drumherum nicht den notwendigen Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln geschuldet, müsste man Laufenberg für den genialen Einfall loben, allein schon durch die grotesken Größenverhältnisse und den riesenhaft leeren Raum für die auf ein theatralisches Minimum reduzierten Kammerspiele Becketts einen an Absurdität kaum überbietbaren Rahmen gefunden zu haben. Rolf Glittenberg hat die große Bühne mit ein paar Stellwänden begrenzt und einige Möbel aus den fünfziger Jahren im Raum verteilt. Vorne in der Mitte ragt der Oberkörper einer Frau aus einem Hügel, der hier aber mehr wie ein übergroßer Reifrock wirkt, die verschieden großen schwarzen Bommeln daran, die wie wohlgeformte Erdklumpen auch sonst auf der Bühne verteilt sind, verstärken dieses Eindruck (Kostüme Marianne Glittenberg). Evelyn M. Faber spielt die von diesem höchst kommoden Erdhügel verschluckte Winnie anfangs mit ein wenig forciert burschikosem Ton, trifft aber bis zur kurzen Pause immer genauer die Balance zwischen existentieller Lebenskrise und dem autosuggestiven Darüberhinweglächeln. Mit ihrem raumgreifenden Halbkugelrock ist sie für die an sich immobile Winnie verblüffend beweglich, rollt mal in diese, mal in jene Ecke des Raumes. Bloß an den Schalter der Musikanlage kommt sie nicht, was sie hört, etwa das herzbewegende Trio aus dem „Rosenkavalier“, kommt als Schicksal über sie, sie muss es hinnehmen, wie alles.

          Im Frack tanzen und zusammenbrechen

          Ihr Mann Willie (Gottfried Herbe) ist in Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung durchweg sichtbar. Laufenberg lässt ihn im Hintergrund nahezu jedes Sitz- und Liegemöbel durchprobieren, und während Winnie vorne ihre Lebenslust und Lebensverzweiflung übergangslos ausbreitet, faltet er Zeitungen, liest ein Stückchen, legt sie wieder zusammen und sich schließlich auch wieder aufs Sofa. Ein Brummen, eine Bejahung oder Verneinung, mehr ist von ihm nicht zu hören. Im kurzen zweiten Teil, wo von Winnie nur noch der Kopf aus einem aufrecht stehenden Bett-Sarg zu sehen ist und ihr innerer Monolog größtenteils vom Band kommt, schenkt die Regie ihm einen großen absurd-surrealen Moment. Im Frack tanzt er zu Sinatras „New York, New York“ über die Bühne, um schließlich vor der schon halb gestorbenen Winnie theatralisch zusammenzubrechen. Und so war auch dieser letzte Liebestanz, obwohl sicher nur von Winnie imaginiert, ein weiterer Beleg für einen „glücklichen Tag.“

          Aufführungstermine von „Glückliche Tage“

          Nächste Aufführungen am 11. und 17. Juni um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden.

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