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Volkshochschule Frankfurt : Bildung ohne Schranken

5000 Kurse, Workshops, Symposien, Führungen und Studienreisen: Das bot die Volkshochschule Frankfurt nach eigenen Angaben in vergangenen Jahr an. Bild: Daniel Nauck

Mit hehren Zielen begann vor 125 Jahren die Geschichte der Volkshochschule. Sie ist nicht bloß Spiegel, sondern auch Akteur des gesellschaftlichen Wandels.

          Kai Gniffke muss es wissen. Nicht weil er Chefredakteur der bekanntlich allwissenden „Tagesschau“ ist. Sondern weil er lange vor seiner ARD-Karriere ein Büchlein verfasst hat, das den Titel „Volksbildung in Frankfurt am Main 1890 - 1990“ trägt. Darin stellte er die schon damals beeindruckende Geschichte der Volkshochschule (VHS) dar. Als Chronist und gebürtiger Frankfurter, so erinnert er sich, sei er stolz gewesen „auf viele wichtige Impulse für die Erwachsenenbildung in ganz Deutschland, die von Frankfurt ausgegangen sind“.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Inzwischen ist noch einmal ein Vierteljahrhundert vergangen, und die VHS feiert „125 Jahre Volksbildung in Frankfurt“, unter anderem mit einer Feierstunde am Montag im Kaisersaal. Bezug nimmt sie dabei auf den Gründungsaufruf zum „Ausschuß für Volksvorlesungen“ am 29. November 1890. Ziel war damals, den Arbeitern den Zugang zur Bildung bezahlbar zu machen. Die Pioniere waren, wie sie es selbst ausdrückten, „von der Überzeugung durchdrungen, daß eine Vertiefung des immer weitere Kreise erfassenden Bildungsbedürfnisses nicht durch äußere Verhältnisse eine Einschränkung erleiden darf“.

          1891 begann der erste Kurs

          An dem hehren Vorhaben, „die Abhaltung von allgemeinverständlichen und für jedermann frei zugänglichen Vorträgen zu ermöglichen, welche die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung in geschlossenen Lehrgängen zu vermitteln versuchen“, wirkten liberale Bürger ebenso wie Arbeiter und auch ein Fabrikdirektor mit. Die Bandbreite der Themen sollte von lebensnah über kulturell bis geschichtlich reichen, nur politische Inhalte waren unerwünscht - nicht auszudenken, was sie in jenen unruhigen Zeiten der Arbeiterbewegung hätten auslösen können.

          Der Andrang zur ersten Veranstaltung war gewaltig. 700 Bildungshungrige versammelten sich am 16. Januar 1891 in der als Stadthalle genutzten Kirche des Dominikanerklosters. Ein Ort wie geschaffen für den Vortrag über die „Entstehung der Baustile und ihre Bedeutung für die Kunst und das Kunstgewerbe“. Ähnlich erfolgreich waren die Volksvorstellungen im Theater. Einführende Vorträge und günstige Karten brachten die Arbeiter in den Genuss vormals bürgerlichen Schichten vorbehaltener Bühnenkunst.

          Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört

          Schrittweise wurde das Angebot erweitert und professionalisiert: Außer Vorträgen gab es bald Lehrgänge, dann auch Kurse, zunächst vorwiegend in Rechtschreibung, später in Fremdsprachen, Buchführung, Zeichnung, Botanik, Geographie und Geschichte. Ein festes Domizil fand die Volksbildung nach dem Ersten Weltkrieg am Eschenheimer Tor. Im ehemaligen Gesellschaftshaus des Kaufmännischen Vereins wurden Büros, ein Festsaal, Hörsäle, eine Bibliothek, ein Theater, ein Kino und ein Restaurant eingerichtet. Im Oktober 1919 eröffnete das „Volksbildungsheim“ - und blieb für Generationen der zentrale Kurs- und Veranstaltungsort.

          Volles Programm: Das Angebot heute reicht von den diversen Yoga-Spielarten...

          Die Gleichschaltung unter den Nationalsozialisten und die Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg bedeuteten schlimme Einschnitte, aber nicht das Ende. Dafür sorgte Else Epstein. Die Überlebende des Konzentrationslagers Ravensbrück begann 1945 mit dem Wiederaufbau des „Frankfurter Bunds für Volksbildung“, wie der frühere „Ausschuß für Volksvorlesungen“ mittlerweile hieß. Die Angebote spiegelten die gesellschaftlichen Entwicklungen und prägten sie zu einem Teil auch mit. In den fünfziger Jahren wurde das „Seminar für Politik“ eröffnet, das nicht nur zu staatsbürgerlicher Bildung, sondern auch zur Hochschulzulassung ohne Abitur führte.

          Ein Umzug mit viel Protest

          Kurz darauf gab es erstmals Kurse in „Deutsch für Ausländer“, 1963 wurde im Erweiterungsbau des Volksbildungsheims das künstlerisch und auch politisch progressive „Theater am Turm“ eröffnet. Die wirtschaftliche Grundlage sicherte das 1970 beschlossene Hessische Volkshochschulgesetz, 1976 wurde die VHS in die Stadtverwaltung eingegliedert.

          ...bis hin zur Vorbereitung auf den Einbürgerungstest.

          Ein Ereignis, das in der offiziellen Chronik zum 125-Jahre-Jubiläum nur in zwei dürren Zeilen erwähnt wird, erschütterte die VHS Mitte der neunziger Jahre: der Umzug aus dem zentral gelegenen, traditionsreichen und vor allem beliebten „Vobi“ in den Galluspark. Der mit Kosten begründete Beschluss der Stadt stieß auf vehementen Protest der Kursleiter. Doch sie mussten sich fügen. Wie auch der Tatsache, dass aus der VHS ein Eigenbetrieb wurde - obwohl Kritiker warnten, dass eine rein wirtschaftlich organisierte VHS etwa Alphabetisierungskurse und Lehrgänge zum Nachholen schulischer Abschlüsse streichen könnte.

          Fast 5000 Kurse im vergangenen Jahr

          Derlei Befürchtungen haben sich bis heute nicht bewahrheitet. Einen großen Teil des Angebots machen die Integrationskurse für Migranten aus. Angesichts des aktuellen Flüchtlingsstroms bereitet sich die VHS darauf vor, noch mehr Menschen die ersten Schritte in der deutschen Sprache und Kultur zu erleichtern.

          Neue Heimat: Der Verlust der „Vobi“ am Eschenheimer Tor schmerzte. Seit 2005 hat die VHS ihren Sitz im Bildungszentrum Ostend.

          Nach den Worten der scheidenden VHS-Direktorin Barbara Cakir-Wahl gab es im vergangenen Jahr fast 5000 Kurse, Workshops, Symposien, Führungen und Studienreisen mit insgesamt 62.000 Belegungen. 120 hauptberufliche Mitarbeiter und etwa 1100 Dozenten arbeiten und unterrichten am 2005 bezogenen Hauptsitz im Ostend, aber auch an vielen anderen Orten der Stadt. Damit ist die Volkshochschule die größte öffentliche Institution der Erwachsenenbildung in Hessen.

          Kai Gniffke sieht Gemeinsamkeiten zwischen VHS und „Tagesschau“. Beide verbinde das Ziel, „Menschen durch Wissensvermittlung zu eigener Urteilsbildung und damit zu gesellschaftlicher Partizipation zu befähigen“. Das mag stimmen. Allerdings lässt sich in der Volkshochschule außerdem etwas über „Hochsteckfrisuren selbstgemacht“, „Ashtanga Vinyasa Yoga“ und „Hessisch für Eigeplackte“ lernen.

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