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Volksbank in Frankfurt : Die Gallier unter den Genossenschaftsbanken

Auch so kann der Finanzplatz Frankfurt aussehen: Der Sitz der Volksbank Griesheim mitten im Stadtteil Bild: Rainer Wohlfahrt

Wir befinden uns im Jahr 2015. In ganz Frankfurt herrscht die Frankfurter Volksbank. In ganz Frankfurt? Nein.

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          Der Nabel der Welt ist das hier nicht. Im lokalen Anzeigenblatt wirbt die Metzgerei Schmidt für ihr Schweinegeschnetzeltes und das Reisebüro Schwanheim für Busfahrten in netter Gesellschaft. Die Union Gaststätte lockt mit seinem Schnitzel mit Zigeunersauce, Pommes und Salat für nur 6,90 Euro, die Briefmarkenfreunde hoffen auf viele Besucher bei ihrem nächsten Tauschtag. Und mittendrin: die Volksbank Griesheim, die noch Schließfächer frei hat. „Werte schützen und erhalten“, so steht es groß in ihrer Anzeige.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Es könnte auch das Motto des genossenschaftlichen Kreditinstituts selbst sein. Denn die Volksbank Griesheim ist das glatte Gegenteil von dem, an was man gemeinhin denkt, wenn vom Finanzplatz Frankfurt die Rede ist. Kein Hochhaus. Kein Konzern. Sondern: 40 Mitarbeiter, gerade einmal 10000 Kunden, der Verwaltungssitz ein länglicher Bau mitten im Stadtviertel, ohne jeden Protz und Prunk. Eine einzige Filiale außerdem, drüben auf der anderen Seite des Mains in Schwanheim. Und in Goldstein noch ein Geldautomat. Das ist es dann auch schon. Dass es so etwas noch gibt, im 21.Jahrhundert.

          Dem kleinen Kreditinstitut gehe es gut

          Doch wenn die Volksbank Höchst im Westen der Stadt im nächsten Jahr ihre Selbständigkeit verliert, ist das Kreditinstitut im Stadtteil Griesheim das letzte seiner Art, das noch neben der übermächtigen Frankfurter Volksbank existieren wird. Die Fusion mit der Volksbank Höchst wird die zweiundzwanzigste der Frankfurter Volksbank seit 1970 sein. Die Bockenheimer Volksbank, die Volksbank Niederrad, die Volksbank Main-Taunus – alles perdu. Das Reich des Kreditinstituts mit Sitz an der Börsenstraße in der Frankfurter Innenstadt reicht inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus, bis hoch nach Weilmünster. Aber ganz Frankfurt umfasst es noch immer nicht, dem Namen zum Trotz. Da stehen die Griesheimer im Weg.

          Und das soll auch lange noch so bleiben. So hat es jedenfalls Armin Pabst vor, eines der beiden Vorstandsmitglieder der Volksbank Griesheim eG. Er lässt keinen Zweifel daran, dass das kleine Kreditinstitut kerngesund ist. Die Kernkapitalquote bei komfortablen 27 Prozent. Seit mehr als zehn Jahren stets eine üppige Dividende in Höhe von 6,5 Prozent. Um einen Euro zu verdienen, muss die Volksbank Griesheim nur 52,5 Cent für Personal- und Sachkosten aufwenden. Ein Traumwert. Es gibt regionale Kreditinstitute, die wären froh, wenn sie wenigstens mit 60 Cent hinkämen. In manchen Häusern heißt es gar, selbst 60 Cent werde man niemals erreichen, die laufenden Kosten seien einfach zu hoch.

          Doch nicht alles so rosig

          Pabst kann über so etwas nur lächeln. Sparsamkeit ist ihm oberstes Prinzip. „Man muss immer aufpassen, dass man den Ball flach hält und schlank bleibt“, sagt der Achtundfünfzigjährige. Denn das ist eben der Unterschied: Die Volksbank Höchst leistet sich bei einer Bilanzsumme in Höhe von 300 Millionen Euro acht Geschäftsstellen. Die Griesheimer, die mit 330 Millionen in der gleichen Gewichtsklasse unterwegs sind, aber nur zwei. Die Höchster haben 80 Mitarbeiter. Die Griesheimer nur die Hälfte. Solch einen Vergleich würde Pabst niemals anstellen, es gilt in der Branche als unfein, öffentlich über andere zu reden. Aber der Vergleich drängt sich natürlich auf, wenn man sich fragt, warum das eine der beiden Traditionshäuser selbständig bleibt und das andere nicht.

          Sparsamkeit ist die oberste Maxime: Armin Pabst, Vorstand der Volksbank Griesheim

          Nicht alles freilich sieht rosig aus. Wie alle Volksbanken und Sparkassen sind auch die Griesheimer in erster Linie vom Zinsgeschäft abhängig, also den Kundeneinlagen und den Krediten für den örtlichen Mittelstand und Häuslebauer. Doch bei diesem Geschäft bleibt seit Jahren immer weniger hängen. Hatte der Zinsüberschuss 2010 noch 8,7 Millionen Euro betragen, so waren es 2014 nur noch 7,3 Millionen. Zugleich sind Personal- und Sachaufwendungen von 3,9 auf 4,4 Millionen Euro gestiegen. Bei einem einigermaßen konstanten Provisionsergebnis in Höhe von 1,5 Millionen Euro verschlechtert sich also die Gewinn-und-Verlust-Rechnung von Jahr zu Jahr. Immerhin profitiert die Bank einstweilen noch davon, dass die Konjunktur gut ist und Kreditausfälle kaum eine Rolle spielen. Doch lag das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit 2010 noch bei 5,7 Millionen Euro, waren es 2014 lediglich 3,6 Millionen. Die Steuerzahlungen, auf die Profis bei der Analyse einer Bank blicken, sanken von 1,7 auf 1,4 Millionen Euro.

          Bankenaufsicht fordert enormen Aufwand ein

          Pabst macht die Entwicklung gleichwohl keine Sorgen. Das Haus habe stets Rücklagen gebildet, allein das offen ausgewiesene bilanzielle Eigenkapital betrage 50 Millionen Euro. „Das hohe Eigenkapital ist die Versicherung für die Bank.“ Gefährlich sei es erst, wenn es nicht mehr gelinge, diesen Posten weiter zu stärken. Bisher habe man aber in jedem Jahr zwei bis drei Millionen beiseitegelegt, sagt der Manager und spricht abermals von der Sparsamkeit als oberstem Prinzip.

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          Und von der Zusammenarbeit im genossenschaftlichen Verbund. Das ist für ein kleines Haus noch wichtiger als für die großen. Mit Hilfe des Genossenschaftsverbands hoffen die Griesheimer, auch mit dem enormen Aufwand zurechtzukommen, der durch die sich ständig ausweitende Bankenaufsicht entsteht. Immer weitere Daten werden angefordert, demnächst womöglich für jeden Kredit über 25.000 Euro nicht weniger als 125 Angaben – unvorstellbar.

          Doch Pabst lässt sich nicht verdrießen. Das Personal sei motiviert, notfalls berate man Kunden auch noch bis 20 Uhr. Direktbanken hätten in Zeiten der Niedrigzinsen an Attraktivität verloren. „Wir glauben, dass wir es in den nächsten Jahren schaffen werden“, sagt der Vorstand der Volksbank Griesheim. „Wir machen das, was wir verstehen.“

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