https://www.faz.net/-gzg-8man7

Zu Volker Steins Kandidatur : Der Oberstbürgermeister

Konkurrenten: Volker Stein (FDP, links) will als Unabhängiger gegen Rathauschef Peter Feldmann (SPD) antreten Bild: Michael Kretzer

Volker Steins Kandidatur für die Frankfurter Oberbürgermeister-Wahl 2018 bringt reichlich Unruhe in die örtliche FDP. Kritiker sagen, er handele aus Rache.

          3 Min.

          Es war kurz nach acht, als Volker Stein sich anschickte, die Frankfurter FDP zu düpieren. Eigentlich hatten sich die Liberalen in der Mitgliederversammlung mit Schulthemen beschäftigen und auf den Bundestagswahlkampf 2017 einstimmen wollen. Aber dann trat Stein, Stadtrat und Oberst der Reserve a.D., in einem Hotelsaal im Norden der Stadt ans Rednerpult. Er sprach nicht über Schulen. Stein sprach über Stein und darüber, dass er 2018 zur Oberbürgermeisterwahl antreten wolle. Was er sonst noch sagte, wird in der Frankfurter FDP noch eine Weile nachwirken. Nach Steins Auftritt dürfte jedenfalls klar sein, dass es zwischen dem Sechsundsechzigjährigen und dem Kreisverband nicht mehr gut wird.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stein hielt vor seinen Parteifreunden unaufgefordert eine Bewerbungsrede, Schwerpunkt: Sicherheit und Ordnung in Frankfurt. Das ist insofern verblüffend, als sich die FDP-Spitze längst von der Kandidatur distanziert hat. Ein Parteiausschlussverfahren wird nur dadurch verhindert, dass er als unabhängiger Kandidat antritt. Stein berichtete von reichlich Unterstützung für sein Oberbürgermeister-Projekt. Er dankte dem Kreis- wie dem Bezirksverband der Jungen Liberalen - und auch „den vier ehemaligen Kreisvorsitzenden“, die ebenfalls hinter ihm stünden. Zur Wahl stelle er sich, weil er der Ansicht sei, dass seine geliebte Heimatstadt besser regiert werden könne als zurzeit. Seine Traurigkeit darüber, dass ihn seine Partei nicht offiziell unterstütze, halte sich im Übrigen in Grenzen: „Das erhöht meine Chancen als unabhängiger Kandidat um ein Vielfaches.“

          „Er wollte die Bühne nutzen“

          Franz Zimmermann ärgert sich noch am Tag danach. „Volker Stein hat sich mit seiner Rolle als Pensionär nicht abgefunden. Er wollte die Bühne nutzen, und er hat sie schlecht genutzt“, sagt der Mann, der zehn Jahre Parteichef und lange Dezernent in Frankfurt war. Er jedenfalls unterstütze Stein nicht. Der wiederum entgegnet, dass er Zimmermann ebenso wenig zu den vier ehemaligen Kreisvorsitzenden gezählt habe wie Hans-Joachim Otto, der viele Jahre lang Parteichef und von 2009 bis 2013 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium war. Vielmehr habe er sich auf die früheren Vorsitzenden Christoph Schnurr, Christian Zeis, Dirk Pfeil und Edith Strumpf berufen.

          Schnurr lebt mittlerweile in Baden-Baden und war am Montagabend nicht im Saal. Er sagt am Telefon: „Ja, ich unterstütze Volker Steins Kandidatur.“ Um Stimmen von unzufriedenen Anhängern anderer Parteien zu holen, sei es sogar sinnvoll, dass Stein ohne offizielles FDP-Logo antrete. „Das heißt ja nicht, dass sich die FDP nicht für ihn aussprechen oder ihn unterstützen kann“, findet Schnurr. Irgendwann müssten die Liberalen die Frage beantworten, wen sie für den richtigen Oberbürgermeister hielten. Die drei anderen ehemaligen Vorsitzenden sind nicht zu erreichen. Zimmermann, der Stein auch am Montagabend schon deutlich widersprach, sagt dann noch, Pfeil habe ihm mitgeteilt, dass er Stein nicht unterstütze. „Also: Stein lügt.“

          Wahr ist jedenfalls, dass der Vorstand der Jungen Liberalen im Bezirksverband Rhein-Main hinter Stein steht. Linus Vollmar, der Vorsitzende der etwa 250 Mitglieder zählenden Nachwuchsorganisation, bestätigt das gestern noch einmal, indem er sagt: „Wir erleben Volker Stein als sehr kompetenten Mann, der die Frankfurter FDP geprägt hat wie kein Zweiter.“ Daher sei er auch der geeignete Oberbürgermeister-Kandidat. Anders als im Bezirksverband ist die Lage im untergeordneten Kreisverband der Jungen Liberalen, deren Pressesprecher wiederum Vollmar ist. Dort, so erläutert er, gebe es zwar ebenfalls einen Beschluss pro Stein. Der sei allerdings daran gebunden, dass Stein als offizieller FDP-Kandidat antrete.

          Zimmermann wundert sich. Warum hat Vollmar, der während der Mitgliederversammlung neben Stein gesessen habe, nicht dort Partei für ihn ergriffen? „Es ist kein Wort pro Stein gefallen.“ Die Fraktionschefin im Römer, Annette Rinn, glaubt, Stein habe sich „wirklich Hoffnungen gemacht, dass ihn die Partei am Ende doch unterstützt“. Der spärliche Beifall habe ihn „betroffen gemacht“.

          „Er tritt nur aus Rache an“

          Am Tag danach macht sich Stein keine Illusionen mehr. „Die Mehrheit war klar gegen mich“, sagt er. Hans-Joachim Otto, der am Montagabend gleich nach ihm sprach, schätzt, dass zehn der 80 Anwesenden zum Stein-Lager zählten, andere nennen eine etwas höhere Zahl. Otto wirft Stein vor, auf einem „schädlichen Egotrip“ zu sein. Um in der Bundestagswahl Erfolg zu haben, brauche die FDP aber ein „Wir, Wir, Wir“ und kein „Ich, Ich, Ich“. Nur so habe der Kreisverband das beste Kommunalwahlergebnis seit 1968 erzielen können.

          Otto kritisiert Stein außerdem dafür, nur aus Rache anzutreten: Er wolle vor allem den designierten CDU-Kandidaten Uwe Becker treffen. Mit ihm ist Stein in heftiger Ablehnung verbunden. Mit dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hingegen hat er zwar inhaltlich kaum etwas gemeinsam, dafür aber eine gute persönliche Basis.

          Und was sagt der amtierende FDP-Kreisvorsitzende Thorsten Lieb zu dem Schlamassel? So wenig wie möglich. Ihm ist Steins Auftritt peinlich. „Wir haben dafür keinen Bedarf.“ Er wünsche sich, dass sich die FDP auf die Bundestagswahl konzentriere. Als Spitzenkandidatin in Stadt und Land ist übrigens Nicola Beer vorgesehen, die früher mit Stein verheiratet war. Immer wieder wird sie auch als Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl genannt. Stein gegen Beer - das werde sie sich nicht antun, glauben viele.

          Lieb sagt, die FDP vertage die Kandidatenfrage nun erst einmal auf die Zeit nach der Bundestagswahl. Aufgeben will er das Thema nicht. „Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass es einen liberalen Kandidaten geben sollte.“ Solange der nicht Volker Stein heißt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.