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Völkermord an Armeniern : „Wir sind hier, weil unsere Urgroßeltern kämpften“

  • -Aktualisiert am

Flucht aus Kilikien: Die Urgroßeltern von Ishkhan Nazaryan, Marta und Jeprem, lernten sich im Jahr 1915 in einem Flüchtlingslager in Beirut kennen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Nicht nur in Trauer gedenkt das armenische Volk des Genozids vor 100 Jahren. Es gibt auch Freude über all jene, die damals flüchten konnten.

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          Die Urgroßmutter erzählte oft von dem Moment, in dem sie sich unter großen Mühen in den letzten Zug von Adana nach Aleppo warf. „Alle, die es nicht in diesen Zug schafften, wurden getötet“, erinnert sich Ishkhan Nazaryan an die Geschichte seiner Uroma. Die türkischen Einheiten waren damals, vor gut 100 Jahren, von Norden aus immer weiter nach Kilikien vorgedrungen, in ein Gebiet des vormals armenischen Königreichs. Ein Jahrtausend lang hatten die Armenier dort gelebt.

          Das Grauen hat sich eben erst gejährt. Am 24. April gedachten die Armenier des 100. Jahrestags des Genozids an ihrem Volk. Damals ordnete die Regierung des Osmanischen Reichs die Deportation und Verhaftung der Armenier an. Wenn Nazaryan über seine Wurzeln spricht, dann ist es, als erzählte der 38 Jahre alte Mann auch eine Geschichte über die Suche des armenischen Volkes nach einer Heimat.

          Armenier gerieten zusehends in Bedrängnis

          Eine Suche, die bis in die Gegenwart reicht. Nazaryan, ein Künstler, ist vor drei Jahren aus Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, nach Frankfurt gekommen - zunächst ohne Familie. Seine ein Jahr jüngere Frau Anna Mikayelyan und die zwei Kinder Mushegh und Arpi, die zwölf und 14 Jahre alt sind, kamen erst vor anderthalb Jahren nach Deutschland. Die Familie weiß, wem sie ihre Existenz zu verdanken hat. Nazaryan sagt: „Wir sind heute hier, weil unsere Urgroßeltern kämpften.“

          Die Familie sitzt in dem kleinen Wohnzimmer ihrer Wohnung, an den Wänden hängen Ölgemälde. Während Nazaryan Fotos der Urgroßeltern zeigt, serviert seine Frau armenischen Tee. Mit Trauer, aber auch mit Stolz erzählt er von der Flucht der Urgroßeltern aus Kilikien, einem Gebiet im Südosten der heutigen Türkei. Als die Jungtürken 1908 an die Macht kamen und den Sultan stürzten, wurde das von den Armeniern am Anfang euphorisch aufgenommen. „Denn immer noch galt die Gleichstellung von Muslimen und Christen nur auf dem Papier“, sagt Nazaryan. Als „Kafir“ habe man die Armenier bis dahin verspottet, das ist das türkische Wort für „Ungläubiger“. Doch die Bewegung der Jungtürken habe das Volk sogar noch stärker gegen die Armenier mobilisiert. „Sie wollten ein Land, in dem nur Türken leben.“

          Urgroßeltern getrennt geflüchtet

          Der einzige Fluchtweg, die einzige Hoffnung auf Überleben war der Weg nach Süden, Richtung Syrien und Libanon. Auf diesem Weg flüchtete auch die Urgroßmutter im Sommer 1915 mit ihrem fünfjährigen Sohn - von Sis, der Hauptstadt Kilikiens, zunächst in das südliche Adana. Bis dahin waren die türkischen Einheiten noch nicht vorgedrungen. Über Adana und Aleppo kämpfte sie sich bis nach Beirut im Libanon, dort kam sie in einem Flüchtlingslager unter.

          Halten die Geschichte der Großeltern wach: Ishkhan Nazaryan mit seiner Frau Anna Mikayelyan (hinten) und den Kindern Arpi und Mushegh.
          Halten die Geschichte der Großeltern wach: Ishkhan Nazaryan mit seiner Frau Anna Mikayelyan (hinten) und den Kindern Arpi und Mushegh. : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Nazaryan zeichnet mit dem Finger auf einer Karte den Fluchtweg nach, den seine Urgroßeltern getrennt voneinander angetreten sind. Damals waren beide noch nicht miteinander verheiratet, sie hatten eigene Familien. Während Urgroßmutter Marta Missiryan aus Sis floh, kam Urgroßvater Jeprem Eolmesseryan aus der Stadt Hajin, die heute Saimbeyli heißt. Dass der Urgroßvater, damals 40 Jahre alt, ein reisender Händler war, sollte sein Glück sein. Denn während des Angriffs auf Hajin war er nicht in der Stadt. „Als er zurückkam, war die Stadt leer und die Familie tot.“

          Neuanfang im Flüchtlingslager

          Was mit seiner ersten Frau und den fünf Kindern passiert war, hat er nie erfahren. Auch ihn führte die Flucht in das Flüchtlingslager nach Beirut, wo er Ende 1915 schließlich die Urgroßmutter kennenlernte. Nazaryan deutet auf ein Foto, das eine zierliche Frau mit schmalem Gesicht zeigt. „Sie sieht deiner Oma so ähnlich“, sagt Anna Mikayelyan mit Blick auf das Foto der Urgroßmutter. Es ist ein Bild der neugegründeten Familie, ein Neuanfang.

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