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Virchow-Quelle in Kiedrich : Sprudelnde Erinnerung an kühne Vision

Soll ansprechender werden: Der Platz rund um die Virchow-Quelle in Kiedrich, die saniert wird Bild: Cornelia Sick

Kiedrich nimmt die Virchow-Quelle wieder in Besitz. Dort wurde einst der angebliche Gesundheitstrank „Calcimona“ gefördert. Im Frühjahr soll der kleine Brunnen saniert werden.

          3 Min.

          Einen schönen Anblick bietet sie nicht, und ein lauschiger Platz zum Verweilen sieht anders aus. Die Virchow-Quelle ist gleichwohl ein Kiedricher Kulturdenkmal und obendrein ein Zeugnis, wie schnell hochfliegende Pläne vergehen können. Vor 130 Jahren gaben die ersten Wasseranalysen kühnen Plänen Auftrieb, Kiedrich als weitere kleine Kurstadt etablieren zu können. Doch „Calcimona“, dem „wohlschmeckenden Gesundheitstrank“ aus dem Rheingau, war kein dauerhafter Erfolg beschieden, auch wenn nach 1890 jährlich bis zu 45 000 Flaschen gefüllt und vertrieben wurden. Mit Blick auf das defizitäre Beispiel von Schlangenbad kann Kiedrich zudem froh sein, dass es die 1953 entwickelten Pläne für ein Thermal-Schwimmbad fahrenließ, weil sich der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung wohl als große und teure Illusion erwiesen hätte.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          1962 trennte sich die Gemeinde ohne viel Aufhebens von der Quelle und verkaufte sie an die Urlaubs- und Lohnausgleichskasse des Bauhauptgewerbes, das auf dem Hahnwald ein Ferienheim errichtete. Eine Anlage, die später einer Computerfirma als Ausbildungszentrum diente, aber schon vor etlichen Jahren aufgegeben wurde. Nun soll dort ein Aparthotel gebaut werden, und die neuen Eigentümer haben wenig Verwendung für die unfreiwillig mitgekaufte Quelle. Sie kehrt in das Eigentum der Gemeinde zurück.

          Sanierung im Frühjahr

          Zum Schnäppchenpreis. Denn die Gemeinde muss nur 100 Euro für Quelle nebst 29 Quadratmeter großem Grundstück zahlen und erhält für die notwendige Sanierung des kleinen Brunnens eine einmalige Entschädigung in Höhe von 26 000 Euro. Genau auf diese Summe lautet das Angebot einer Baufirma für die notwendigen Arbeiten, die noch in diesem Frühjahr vorgenommen werden sollen. Auch der Platz solle in der Folge ansprechend gestaltet werden, sagt Bürgermeister Winfried Steinmacher (SPD).

          Die Entdeckung der Quelle war die Folge der Suche nach Erzen im Taunusgebirge. Schon in den Jahren 1784/85 waren auf Geheiß des Mainzer Erzbischofs Friedrich Karl Joseph von Erthal Schürfschächte in die Erde getrieben worden in der Hoffnung, Silber, Bleiglanz oder Zinkblende zu finden. Entdeckt wurde aber nur Schwerspat (Baryt), der in der Folgezeit gleichwohl professionell abgebaut wurde. Aus den langen Stollen trat zudem reichlich Salzwasser aus, das wirtschaftlich ebenfalls nicht uninteressant war.

          „Calcimona“ erstmals 1889 vorgestellt

          Die Gemeinde sicherte sich nach einem Streit 1860 von der Landesregierung das Brunnenrecht und übertrug es später auf den Unternehmer Adolf Reuß. Der begann, die Salzquellen systematisch zu erschließen, und ließ 1886 bis 1888 nach dem salzhaltigen Wasser bohren. Eine wegen des harten Taunusquarzits mühselige Arbeit. Erst mit einem Diamantbohrer gelang es, in 188 Meter Tiefe vorzudringen und einen Brunnen anzulegen, der nach dem Einsatz von Dampfpumpen fast 400 Liter Wasser pro Minuten an die Oberfläche förderte. In seiner Abhandlung „Kiedrich und sein Wasser“ beschreibt der Geologe Michael Fenzl, dass für diesen Erfolg 36 Bohrkronen mit 304 Karat im heutigen Wert von rund 50 000 Euro verbraucht wurden.

          Nach dem Einbau von Kupferrohren und einer ersten Wasseranalyse machte sich Reuß an die Vermarktung und stellte das Wasser erstmals 1889 auf einem Internistenkongress in Wiesbaden vor. Der Vertrieb unter dem Namen „Calcimona“ startete nicht ohne Erfolg. Das Wasser wurde während und nach dem Ersten Weltkrieg als ideal „für körperlich und geistig angestrengt Arbeitende, für Kinder in den Entwicklungsjahren, für Frauen in der Mutterschaft, in der Rekonvaleszenz, als Schutz gegen die Folgen von Unterernährung und gegen vorzeitiges Altern und Altersbeschwerden“ angepriesen. Schon 1902 war der Kiedricher Sprudel nach dem in diesem Jahr verstorbenen Pathologen Rudolf Virchow umbenannt worden. Wohl auch, um die medizinische Wirkung zu unterstreichen.

          Kurbetrieb ohne dauerhaften Erfolg

          Tatsächlich entstand im Umfeld der Quelle nach 1890 ein kleiner Kurbetrieb mit einem wenn auch beengten Logier- und Badehaus. Doch der dauerhafte Erfolg blieb aus. Das „Taunusbad“ Kiedrich erwies sich als Luftschloss. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Kurhaus Lazarett, nach dem Zweiten Weltkrieg Kinderheim. Bestrebungen der Nachkriegszeit, den Kurbetrieb wiederaufzunehmen, mündeten nicht mehr in ernsthafte und realistische Anstrengungen.

          Der Verkauf 1962 war auch ein Beleg, dass die Gemeinde das Interesse gänzlich verloren hatte. Heute gilt die Quelle mit ihrem 24 Grad warmen Wasser wieder als geschichtsträchtiges Kulturgut, das der Pflege bedarf. Das Wasser ist durchaus noch in der Region beliebt als Mittel gegen Rheuma, gegen Nieren- und Blasenkrankheiten, wenn es auch mit Vorsicht zu genießen ist, denn es enthält Arsen. Mehr als ein kleiner Becher mit 0,15 Liter sollte es nach der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation am Tag daher nicht sein. Das gibt Paracelsus recht: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht’s, dass ein Ding kein Gift sei.“

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