https://www.faz.net/-gzg-7xgnv

Villa Lux in Frankfurt : In der Demenz-WG leben Fische gefährlich

  • -Aktualisiert am

Lachen ist gesund:Ein Besuch der Clown-Doktoren bietet den Bewohnern der Villa Lux Abwechslung und bringt sie zum Lachen. Bild: Wolfgang Eilmes

Auch wenn Demenzkranke sich nicht an ihr Leben erinnern können, bleibt doch etwas in ihnen einzigartig. Seit 2008 versucht die Villa Lux im Gallusviertel, ihren zwölf Bewohnern viel Raum für ihren Lebensrhythmus zu bieten.

          2 Min.

          Manchmal füttert Frau E. die Fische mit gekochten Kartoffeln und Karotten. Sie meint es nur gut mit ihnen. Und obwohl die Nahrung für die Tiere im Aquarium der Wohngemeinschaft gänzlich ungeeignet ist, wird Frau E. dafür von keinem ihrer Mitbewohner zurechtgewiesen. Denn die Sechsundachtzigjährige lebt in keiner gewöhnlichen WG, sondern in einer Gruppe, zu der nur stoßen kann, wem Demenz und mindestens Pflegestufe 1 ärztlich attestiert worden ist.

          Villa Lux heißt die Einrichtung im Gallusviertel, die Geschäftsführer Michael Schnurr 2008 gegründet hat. Zwölf Demenzkranke wohnen zusammen auf 670 Quadratmetern. Jeder von ihnen hat ein großes Zimmer, in dem eigene Möbel stehen. Zusätzlich gibt es ein riesiges Wohnzimmer mit integrierter Küche. In dem Gemeinschaftsraum halten sich die zwei Männer und zehn Frauen fast den ganzen Tag zusammen mit Pflegern und Betreuern auf. Dort wird miteinander geredet, auch wenn die Gespräche meist kurz sind. Im Hintergrund dudelt beruhigende, klassische Musik. Überall stehen Sofas und Sessel, auf denen mancher Bewohner einen ausgedehnten Mittagsschlaf hält. Rund 3500 Euro kostet der Pflegeplatz im Monat. Teilbeträge davon übernehmen jeweils die Krankenversicherung, die Stadt, die Patienten selbst aus ihrer Rente und die Angehörigen.

          Gerechte Betreuung sehr aufwendig

          Die Pfleger gehen bei der Betreuung auf die Biografie jedes der zwölf Bewohner ein. Auch wenn sich die Demenzkranken meist nicht mehr bewusst an ihr früheres Leben erinnern können, wirkt es sich noch heute auf ihren Charakter aus. „Einer der Patienten wurde von der Stasi gefoltert. Er lässt sich deswegen gar nicht gern anfassen“, berichtet Pfleger Thomas Moos. Eine Frau, die meist sehr schweigsam sei, habe auf einem Ausflug beim Anblick eines Kindergartens plötzlich aus ihrem Leben als Erzieherin geplaudert.

          Die Betreuung von Demenzkranken sei ähnlich aufwendig wie die kleiner Kinder, sagt Moos. Doch das würde in manchen Einrichtungen nicht berücksichtigt. Darunter litten die Patienten. „Ich habe schon zu viel Schlechtes in der Altenpflege erlebt.“ In der Villa Lux lege man Wert darauf, den Bewohnern ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit zu lassen. Dazu gehöre auch, dass sie in ihrem Rhythmus leben dürften. Ein Bewohner schlafe zum Beispiel tagsüber viel und fordere manchmal nachts eine Mahlzeit. Selbst diesen Wunsch versuche der Nachtdienst ihm zu erfüllen.

          Bewohner ziehen sich kaum zurück

          Moos würde den Senioren gerne mehr Abwechslung bieten – so wie heute mit dem Besuch der Clown-Doktoren. Ein Sponsor aus der Wirtschaft, der nicht genannt werden will, hat den Auftritt finanziert. „Herr Kuddelmuddel“ und „Frau Löwenzahn“ setzen sich neben die alten Leute, sprechen mit ihnen, singen ihnen etwas vor. Zwei Seniorinnen müssen laut lachen. „Wir wollen das Lachen der Menschen hervorkitzeln“, sagt Schnurr. „Wieso sollten Demenzkranke nicht einmal lachen?“

          Nicht alles, was er sich für die Wohngemeinschaft zu Beginn überlegt hatte, hat sich bewährt. Vielleicht sind die Zimmer zu groß konzipiert, meint Schnurr heute. Denn nur wenige Bewohner zögen sich zurück, sie seien fast immer in den Gemeinschaftsräumen anzutreffen. Das kann auch andere Gründe haben. Neben den Türen hängen kleine Leinwände, auf die der jeweilige Name des Bewohners gemalt ist, manchmal klebt auch ein Foto darauf. Trotzdem fänden manche der Bewohner ihr Zimmer nicht selbständig, sagt Schnurr.

          Frau E. ist die älteste Bewohnerin und eine der wenigen, die ihr Zimmer richtig nutzt. Die dunkelbraune Möblierung wirkt altmodisch, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Doch es gibt sogar einen Fernseher, was in der Wohngemeinschaft ungewöhnlich ist. Denn die meisten Patienten dürfen nur unter Aufsicht fernsehen, weil schnelle Bildfolgen moderner Filme sie überfordern. Bei Frau E. wirkt sich die Demenz jedoch nicht so stark aus. Nur auf den Speiseplan der Fische im Aquarium, den sie manchmal durcheinander bringt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.