https://www.faz.net/-gzg-qcc0

: Viele Defizite, aber auch viel Zeit zum Lernen

  • Aktualisiert am

Sie haben Erfahrungen mit Drogen, Heimen und Gewalt. Kaum einer kommt aus einem intakten Elternhaus, hat ein regelmäßiges Leben geführt oder viel Liebe erfahren. Jetzt sollen sie, für die schon ruhiges Sitzen und konzentriertes Zuhören eine Herausforderung ist, für den Hauptschulabschluß pauken.

          4 Min.

          Sie haben Erfahrungen mit Drogen, Heimen und Gewalt. Kaum einer kommt aus einem intakten Elternhaus, hat ein regelmäßiges Leben geführt oder viel Liebe erfahren. Jetzt sollen sie, für die schon ruhiges Sitzen und konzentriertes Zuhören eine Herausforderung ist, für den Hauptschulabschluß pauken. Auch ein Jugendlicher, der wegen Raubes verurteilt wurde, muß englische Vokabeln lernen, sollte die Grundzüge deutscher Geschichte kennen und die Grundrechenarten beherrschen. Alle 14 bis 16 Jahre alten Straftäter des Landes werden in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rockenberg in der Nähe von Butzbach betreut, Schule ist für sie wie bei ihren Altersgenossen "draußen" Pflicht. Ihren älteren Mitgefangenen ist der Besuch des Unterrichts jedoch freigestellt.

          Ein ganz normales Klassenzimmer, wären da nicht die Gitter vor den Fenstern. Eine fast normale Pause, wäre da nicht der Schulhof von einer sechs Meter hohen Mauern, Nato-Stacheldraht auf der Krone, umgeben. Ganz normale Schüler, die sich über Zensuren ärgern, über Lehrer lästern und über das gestrige Fernsehprogramm plaudern - wären es nicht ausschließlich Jungen und steckten die neun nicht alle in den gleichen blauen Hosen und Hemden.

          Am Regal hängen Stundenplan und Tafeldienstliste. Andre schlägt Benjamin zur Begrüßung auf die Schultern, der schreit: "Paß auf, du Idiot, mein Sonnenbrand!" Der gerade volljährig gewordene Deutsche ist Freigänger, durfte am Wochenende das Gefängnis für vier Tage verlassen. Er hat die Zeit unter anderem genutzt, um sich mit seiner Freundin im Freibad zu sonnen. Am 23. Juni wird er die mündliche Prüfung für den Hauptschulabschluß ablegen, am 24. Juni öffnen sich für ihn die Tore. Im Regelfall werden erwachsene Strafgefangene bei guter Führung nach zwei Dritteln ihrer Strafe auf Bewährung entlassen. Bei Jugendlichen wird dies variabler gehalten, einige müssen deswegen die gesamte Strafe verbüßen, um Zeit für Schul- oder Berufsabschlüsse zu haben. "Für die Jugendlichen ist der Unterricht hier eine echte Chance. Niemand von ihnen hätte draußen den Abschluß geschafft", sagt Anstaltsleiter Klaus Winchenbach. Einen Realschulabschluß zu machen ist in Rockenberg selten.

          Seiner Chance ist sich auch der Ukrainer Andre bewußt, der Tat und Strafe kühl herunterleiert wie andere in seinem Alter eine mathematische Formel: "Bewaffneter Raubüberfall und räuberische Erpressung, zwei Jahre und neun Monate". Drei Anläufe zum Hauptschulabschluß unternahm er vor der Haft, "aber irgendwie hatte ich nie Lust zu Hausaufgaben und war immer voll auf Droge". Sein letztes Zeugnis war "nicht feststellbar", Andre nahm so gut wie nie am Unterricht teil. Jetzt schließt ihm ein Vollzugsbeamter jeden Morgen die Zellentür auf und bringt ihn vor eines der insgesamt vier Wohnhäuser. Von dort holt ihn ein Lehrer ab und geleitet ihn ins Schulgebäude. Er habe jetzt "alle Zeit der Welt, um zu lernen, weil ich ja keine krummen Dinger mehr drehen kann", sagt Andre, der im Oktober seinen Hauptschulabschluß machen wird und nach der Haft noch zur Realschule gehen will.

          Um 20 Uhr werden die Türen der Einzelzellen geschlossen, morgens um 7 Uhr wieder geöffnet. Genug Zeit, sich auf die Schule vorzubereiten, falls nicht der Fernseher in der Zelle läuft. So manchen "unreifen Sponti", wie Leiter Winchenbach die Schüler nennt, überkommt beim Abschließen der Türen aber das Grauen. "Für Jugendliche, die abends oft in Kneipen, Diskotheken oder Kinos unterwegs sind,

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße.

          Corona-Pandemie : Neue Corona-Kennwerte braucht das Land

          Steigende Neuinfektionen versetzen Deutschland in Corona-Panik. Doch auch andere Parameter als allein die Zahl der Infizierten sind jetzt entscheidend für die Einschätzung der Corona-Pandemie in diesem Winter.
          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) stürmen in Calw während einer Übung in eine Tür (Archivbild).

          Wehrbeauftragte Eva Högl : „Es wäre falsch, das KSK aufzulösen“

          Das Kommando Spezialkräfte wird grundlegend reformiert, um rechtsextreme Umtriebe künftig unmöglich zu machen. Die Wehrbeauftragte war bei der „Höllenwoche“ des Verbands dabei. Ein Gespräch über ihre Eindrücke.
          SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach

          SPD-Gesundheitsexperte warnt : Lockdown möglicherweise schon in wenigen Wochen

          Die jetzigen Einschränkungen reichten nicht aus, um einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen zu verhindern, sagt Karl Lauterbach laut einem Bericht. Er fordert mehr Homeoffice und eine Aufteilung von Schulklassen. Auch der Außenhandelsverband warnt vor einem neuen Lockdown.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.