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Veste Otzberg : Der Blick, der träumt

Hessischer Ort der Romantik: die Veste Otzberg im Odenwald Bild: dpa

Wo Karoline von Günderrode und Friedrich Carl von Savigny einander küssten: Die Feste Otzberg im Odenwald ist ein hessischer Ort der Romantik.

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          Die Künste bestehen nicht nur aus den Werken, die sich durchsetzen konnten, sondern auch aus denen, die nicht geschaffen wurden, wie Giuseppe Verdis lange geplante Oper „Lear“ nach Shakespeares Drama oder die von ihm ebenfalls angedachte Vertonung einer Szene aus Alessandro Manzonis Roman „Die Verlobten“. Neben dem, was Menschen schaffen, ist auch ihr Leben von dem gezeichnet, das zu nichts zerrinnt. Die Bekanntschaft mit der Aussichtslosigkeit machten Karoline von Günderrode und Friedrich Carl von Savigny im Sommer 1799 in Lengfeld, einer Ortschaft, die heute zur Gemeinde Otzberg am Rande des Odenwaldes gehört.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Karoline war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt, Savigny ein Jahr älter. Mehrere Wochen lang lebten die jungen Leute zusammen auf dem Gut, das den Eltern der gemeinsamen Freundin Karoline von Barkhaus gehörte. Für Karoline, das äußerlich zurückhaltende, innerlich aber ruhelose Stiftsfräulein aus einer Frankfurter Patrizierfamilie, war das mehr als genug Zeit, sich in den angehenden Juristen zu verlieben. „Ich liebe, wünsche, glaube, hoffe wieder, und vielleicht stärker als jemals“, schrieb Karoline einer Freundin. Man unterhielt sich, las sich vor und stritt über Politik. Es sind die Jahre nach der Französischen Revolution, es ist die Zeit der Koalitionskriege, Karoline drückt der Revolution die Daumen und feiert im Gedicht „Buonaparte“ noch im selben Jahr Napoleon.

          Sie schwärmt von der Aussicht

          Savigny, aus dem später ein preußischer Minister wird, sieht die Welt weniger radikal. Zwischen dem Entdecken solcher anziehenden Unterschiede macht man Ausflüge, unter anderem auf die nahe gelegene Veste Otzberg, eine alte Burganlage auf einem die Gegend überragenden Hügel. Der weite Blick, der sich von oben bietet, löst in Karoline starke Gefühle aus. Sie schreibt an ihre Schwester Charlotte: „Oft, wenn ich hier auf einem Berge stehe und ferne Täler und Berge in ungewisser Ferne sehe, dann wird es mir so sehnsüchtig ums Herz, und ich scheine mir arm. - Gestern waren wir auf dem Ozberg, welche Aussicht!“

          Karoline findet allerdings nicht nur im Mangelgefühl romantischen Sehnens Erfüllung, sondern tauscht mit Savigny auch einen Kuss. Aber mehr wird nicht aus ihnen. Savigny wird ein Jahr später in Marburg zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert, lehrt als Privatdozent, lernt bald darauf Clemens Brentano kennen und macht Marburg durch seine persönlichen Beziehungen zu einem Ort der deutschen Romantik. Im Jahr 1804 heiratet er Brentanos Schwester Kunigunde. Karoline schreibt: „Träume umschweben mich, mein Bewusstsein verliert sich in der Betrachtung. So mag es einem Sterbenden sein, das Bewusstsein wird immer schwächer und unterbrochner.“ Es ist das Jahr, in dem Karoline, die Savigny verschwiegen hat, dass eine Dichterin in ihr steckt, ihren ersten Lyrikband veröffentlicht, „Gedichte und Phantasien“. Zwei Jahre später nimmt sie sich unglücklich das Leben.

          Aufbruch in denkerische Fernen

          Von alldem, was sich zwischen der Dichterin und dem Juristen ereignete, ist auf der Veste Otzberg nichts zu sehen. Karolines Blick aber gibt es noch immer und lässt sich fotografieren. Danach kann man mit der Aufnahme am Fotowettbewerb „Literaturland Hessen“ teilnehmen, mit dem diese Zeitung und der Sender hr2-kultur Hessens Verbindungen zur Romantik nachgehen. Karolines Aussicht, die an den Aufbruch in denkerische Fernen ebenso erinnert wie an persönliche Perspektivlosigkeit, ist den Besuch wert.

          Weitere Informationen auf der Internetseite des Wettbewerbs, www.literaturland.hr-online.de. Fotografien sind an den Hessischen Rundfunk zu senden, die Redaktion hr2-kultur/Literaturland Hessen in 60222 Frankfurt hilft unter der Rufnummer 0 69/1 55 49 60 sowie unter der E-Mail-Adresse literaturland@hr-online.de.

          Das Wort wird zum Bild: Beim Fotowettbewerb des Hessischen Rundfunks und dieser Zeitung

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