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: Verzückt von einer Fremden

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Die Novelle "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann handelt von dem Schriftsteller Aschenbach, einem achtbaren, ernsthaften Mann, der Pflicht, Leistung und Disziplin zu seinen Lebensprinzipien erhoben hat.

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          Die Novelle "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann handelt von dem Schriftsteller Aschenbach, einem achtbaren, ernsthaften Mann, der Pflicht, Leistung und Disziplin zu seinen Lebensprinzipien erhoben hat. Irgendwann aber packt ihn die Reiselust, und er lässt sich mit einem Schiff nach Venedig schippern. Dort sieht er zufällig in der Hotelhalle einen 14 Jahre alten Jungen, Tadzio, der für ihn zum unerreichbaren Star wird: Aschenbach sieht in dem Teenager ein Ideal der vollkommenen Schönheit, der Harmonie und Perfektion. Fortan verliert Aschenbach das Interesse an allen Sehenswürdigkeiten und schenkt seine Zeit einem Jungen, den er eigentlich gar nicht kennt und dennoch für einen Abgott hält. Es genügt ihm, sein Idol von der Ferne anzublicken, um glücklich zu sein. Thomas Mann hat dies die "Tragödie einer Entwürdigung" genannt.

          Die Novelle spielt im Jahr 1911, doch irgendwie fällt einem die Geschichte von Aschenbach und Tadzio wieder ein, wenn man die Anhänger der 19 Jahre alten Abiturientin Lena Meyer-Landrut sieht, die 2010 den Eurovision Song Contest in Oslo gewann und demnächst in Düsseldorf wieder antritt.

          Am Freitagabend tritt Lena Meyer-Landrut in der Frankfurter Festhalle auf, nach Berlin und Hannover die dritte Station ihrer Deutschland-Tour. Mit offenem Haar, rot lackierten Fingernägeln und ganz in Schwarz, vom T-Shirt über die Jeans bis zu den Turnschuhen mit weißen Schnürsenkeln, geht sie auf die Bühne, hopst und tänzelt von links nach rechts und wieder zurück, mit sicherer Stimme, die von drei Backgroundsängerinnen noch unterstützt wird, und arbeitet sich Lied für Lied vor. Als Lena "Mr. Curiosity" singt, steht sie allein im Lichtkegel, nur ein Keyboarder begleitet sie, und unten, aus der Ferne des Innenraums, himmelt Oliver Holzinger sein Idol an.

          Holzinger ist 43 Jahre alt, ein kleiner, stämmiger Mann mit großen Augen, rasiertem Haupthaar und einem Oberlippenbart. Er ist Vorstandsmitglied der "Lenaisten e.V.", kümmert sich um den Papierkram in dem Fanclub. Sein riesiges schwarzes T-Shirt mit dem violetten "Lenaisten"-Logo umwölbt seinen runden Körper fast bis zu den Kniekehlen. Dem Verein der "Lenaisten" gehören vor allem Männer mittleren Alters an, die die Lena-Leidenschaft gepackt hat. "Unser Vorsitzender ist ein Doktor, und einen Anwalt haben wir auch", sagt Holzinger. "So einen Verein kann man nicht mit einem Haufen Teenies machen." Fragt man Holzinger, warum er Lena verehrt, starrt er eine Weile in die Ferne. "Das kann man nicht erklären", sagt er, während der Tränenfilm auf seinen Augäpfeln zunimmt. "Es ist einfach ihre Art. Einfach ihre Art." Nur einmal habe er so etwas wie mit Lena schon einmal erlebt, nämlich mit Nena und ihren 99 Luftballons, da war er selbst noch ein Teenager.

          In Thomas Manns Novelle hat Aschenbach einen Traum, eine dionysische Erfahrung, die ihm seine Leidenschaft für Tadzio bewusst macht. Ein solches Erlebnis kennen die "Lenaisten" auch, sie nennen es "den Urknall": Lenas erster Auftritt in der Castingshow "Unser Star für Oslo". Drei Tage nach dem Urknall sei das Internetforum entstanden, "am 5. 2. 2010", sagt Holzinger. Später habe man dann einen eingetragenen Verein gegründet, "raus aus dem Virtuellen, rein ins Reale", sagt Holzinger.

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