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Verwahrlosung in Hanau : Die unendliche Geschichte der Annasiedlung

Ungepflegt und kaputt: In der Annasiedlung in Hanau lebt nur noch ein gutes Dutzend Menschen – in unwürdigen Zuständen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wohnhäuser in Hanau sind zu Spekulationsobjekten geworden. Um deren Verwahrlosung zu beenden, hat die Stadt ihr Vorkaufsrecht angemeldet. Bisher tut sich aber nichts.

          Einst lebten mehrere hundert Menschen in der in den dreißiger Jahren entstandenen Annasiedlung am Kinzigheimer Weg in Hanau, und sie lebten gerne dort. Die 13 zwei- und dreigeschossigen Häuser mit fast 170 Wohnungen boten ansehnlichen Komfort für die Bewohner, die ihr Auskommen vor allem im nahe gelegenen Hafen hatten und nicht allzu viel Miete zahlen konnten. Die Wohnungen der Arbeitersiedlung hatten einen Balkon, waren von Grünflächen umgeben und lagen verkehrsgünstig am Stadtrand.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Heute halten dort, zwischen Kinzigheimer Weg und Annastraße, nur noch maximal 15 Mietparteien die Stellung, das ist die letzte der Stadt bekannte Zahl. Einige leben dort seit Jahrzehnten, manchmal wohnten schon die Eltern in der Siedlung. Diese steht zwar unter Denkmalschutz, das bewahrt Gebäude und Umfeld jedoch nicht vor der zunehmenden Verwahrlosung.

          Fast zwei Jahre ist es her, dass bei den Bewohnern Hoffnung aufkeimte. Damals ergriff die Stadt die Initiative und versuchte, die Spirale von Verkauf und Verfall zu beenden. Doch seitdem hat sich die Lage noch verschlimmert. Das einst gepflegte Grün um die Häuser verwuchert zunehmend, blind gewordene oder zerbrochene Fensterscheiben, Schutt und Scherben sowie Farbschmierereien bestimmen das Bild immer mehr. An manchen Stellen kann man sich kaum vorstellen, dass Mieter in einer solchen Umgebung leben. Manchmal fällt der Strom aus. Die Siedlung wurde außerdem zum Ziel von Kupferdieben, die in den leeren Behausungen nach Beute suchten. Im Januar musste die Feuerwehr anrücken, weil vermutlich von Obdachlosen liegengelassene Kleidung in einem unbewohnten Haus brannte.

          Sanierung in eigener Regie

          Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) spricht von einem Spekulationsobjekt und einem asozialen Umgang des Besitzers mit den Bewohnern und der denkmalgeschützten Wohnanlage. Die Rede ist vom Immobiliensanierer Dolphin Trust GmbH oder Dolphin Capital, wie sich das Unternehmen früher nannte. Inzwischen firmiert es auch als German Property Group GmbH. Mit dem Unternehmen führt die Stadt einen Rechtsstreit, nachdem die Stadtverordneten im Juni 2017 beschlossen, das städtische Vorkaufsrecht wahrzunehmen, um die überfällige Sanierung in eigener Regie zu übernehmen.

          Allerdings hätte die Stadt das schon Jahre zuvor erledigen können, damals waren die Häuser noch im Besitz der Baugesellschaft. Die Kosten von 6,5 Millionen Euro erschienen der städtischen Gesellschaft aber zu hoch, und sie verkaufte das Areal an einen Wiesbadener Investor für 2,4 Millionen Euro in der Erwartung, dass dieser die Anlage wieder auf Vordermann bringen würde. Stattdessen folgten drei weitere Verkäufe.

          Die wechselnden Besitzer begannen mit Sanierungen, Dächer wurden neu gedeckt und Fassaden erneuert. Doch von 2014 an geschah nichts mehr, nachdem Dolphin die Immobilien für rund sechs Millionen Euro erworben hatte. Seiner vertraglich festgelegten Sanierungspflicht kam das Unternehmen laut Stadt nicht nach. Kaminsky geht davon aus, dass Dolphin das auch nie vorhatte, sondern nur an einem satten Gewinn durch einen Weiterverkauf interessiert war.

          Die Verwahrlosung des Geländes ist deutlich zu sehen.

          Verkaufspreis bei vier Millionen Euro

          Tatsächlich schien sich der Verkauf an eine Londoner Investmentgesellschaft abzuzeichnen. Der Verkaufspreis sollte nahezu zehn Millionen Euro betragen. Doch zum Abschluss kam es nicht, weil die Stadt ihr Vorkaufsrecht anmeldete. Der gutachterlich ermittelte Verkaufspreis betrug vier Millionen Euro netto, eine Summe, mit der Dolphin Verluste gemacht hätte.

          Das Unternehmen, das auf die Sanierung denkmalgeschützter Immobilien zu Wohnzwecken spezialisiert ist, wies den Vorwurf des Spekulantentums zurück. Es gab aber zu, sich beim Kauf verkalkuliert zu haben. Man habe mit der Übernahme der Stadt, Anwohnern und Mietern einen Dienst erweisen wollen. Anforderungen und Vorgaben des Denkmalschutzes seien aber höher und teurer gewesen, als erwartet. So seien nicht nur finanzielle Einbußen zu erwarten gewesen, sondern auch Einschränkungen bei der Sanierung. Deshalb habe man wieder verkaufen müssen, hieß es.

          Gleichwohl schickte sich Dolphin an, das von der Stadt angeführte Vorkaufsrecht gerichtlich auszuhebeln. Das Unternehmen will sein Verkaufsrecht durchsetzen oder zumindest die Herabsetzung der Verkaufssumme verhindern. Das Verfahren ist vor dem Landgericht Darmstadt anhängig, ein Verhandlungstermin steht nicht fest. Für die Mieter hat sich dadurch in den vergangenen zwei Jahren nichts verbessert. Verunsichert wurden sie allerdings durch einen angeblichen Verkauf der Siedlung an ein Unternehmen namens Vordere Hanau I GmbH mit Sitz in Frankfurt. Dorthin, so wurden die Mieter beschieden, sollten sie künftig ihre Miete zahlen. Nach Kenntnis der Stadt wird die Gesellschaft aber im Grundbuch nicht als Eigentümer geführt. Das widerspräche auch dem von der Stadt in Anspruch genommenem Vorkaufsrecht.

          Auf zumindest merkwürdige Praktiken von Dolphin sind zuletzt zudem Journalisten des Hessischen und des Bayerischen Rundfunks sowie des britischen Senders BBC gestoßen. Wie der HR in der Sendung „defacto“ berichtete, soll es in Deutschland etwa 60 Immobilien im Besitz von Dolphin oder ihrer Tochtergesellschaften geben, bei denen die Sanierung nicht getätigt wird oder ins Stocken geraten ist. Ausgangspunkt der Recherchen war die Hanauer Annasiedlung. Die Sender halten dem Unternehmen vor, Investoren und Kleinanleger vor allem in Großbritannien mit Renditen gelockt zu haben, die nach der Sanierung von Objekten wie in Hanau samt Grundsumme fällig werden sollten. Diese Kleinanleger fürchteten um ihr Geld, nachdem Fristen verstrichen seien. Dolphin habe bestätigt, dass ein Teil der Investoren von einer Verzögerung betroffen sei, habe aber versichert, dass die Menschen ihr Geld zurückbekämen. Sie hoffen weiter, so wie die Mieter der Annasiedlung auf menschenwürdigere Wohnbedingungen. Doch die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende geschrieben, wie Kaminsky sagt.

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