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Vertriebene-Vertreter : Der Bund der Aussterbenden

  • -Aktualisiert am

Brauchtum pflegen und Brücken schlagen

An einem Tisch sitzt Wenzel Woller aus Flörsheim, geboren 1933. Im April 1946 wurde er mit seiner Familie aus dem Dörfchen Pscheheischen vertrieben, das 18 Kilometer westlich von Pilsen entfernt liegt und heute Prehysov heißt. Jeder durfte 50 Kilogramm Gepäck in einer „Aussiedlungskiste“ aus Holz mitnehmen. In einem Viehwaggon wurde die Familie nach Frankfurt-Höchst gebracht, von dort kam sie nach Flörsheim. Woller heiratete später eine Einheimische, keines seiner vier Kinder ist Mitglied im Bund der Vertriebenen geworden. Die Aussiedlungskiste hat er vor einiger Zeit entsorgt.

Die Landesregierung hat Margarete Ziegler-Raschdorf ins Haus der Heimat entsandt. Die Beauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler sagt: „Toll, ich staune, ein gutgefüllter Saal.“ Dann sagt sie: „Die hessische Landesregierung steht fest an der Seite der Vertriebenenverbände seit vielen Jahren.“ Doch rasch kommt Ziegler-Raschdorf zum eigentlichen Thema: dem Mitglieder- und Bedeutungsverlust der Vertriebenenverbände – „auch wenn die das nicht so sehen“. Vor allem der Schwund in den Landsmannschaften sei „ein existentielles Problem“, meint die Mitarbeiterin des Sozialministeriums. Dann stellt sie die entscheidende Frage: „Wie kann der Wandel gestaltet werden?“ Eine überzeugende Antwort hat sie nicht parat.

Eine einfache Lösung kann auch Christian Knauer den Delegierten nicht präsentieren. Der Vorsitzende des BdV in Bayern ist der Hauptredner des Tages, er sieht die Vertriebenen vor einer „historischen Phase“, denn: „In etwa zehn Jahren wird es nahezu niemanden mehr geben, der sich noch erinnern kann an die Geschehnisse von Flucht und Vertreibung.“ Denn weil sich die Vertriebenen von Anfang an integriert hätten, seien die Nachkommen mittlerweile eben nur noch Viertel-Schlesier oder Achtel-Sudetendeutsche. „Wenn wir die nicht gewinnen, wen denn dann?“, fragt Knauer. Wie sollte der BdV ohne sie überhaupt noch sicherstellen, dass das Wissen um ostdeutsche Kultur und Siedlungsgeschichte nicht verlorengehe? Seine Antwort klingt sehr ähnlich wie die von Siegbert Ortmann: „Das Brauchtum pflegen und Brücken schlagen in die alten Heimatgebiete.“

Ortmanns Hoffnung ist die Kultur. „Es muss doch junge Leute geben, die sich für Geschichte und Kultur interessieren“, sagt er. Die gelte es zu gewinnen. Schaffen will er das mit dem Deutsch-Europäischen Bildungswerk, einer Tochter des Landesverbands. Es organisiert Reisen in die ehemaligen Ostgebiete, die Verständigung schaffen und die Minderheiten dort stärken sollen. Ortmann will den Verband nicht länger als „Folkloreverband vergangener Zeit“ verstanden wissen. „Wir wollen lieber quirliger Botschafter Europas sein.“ Der Applaus im Saal hält sich in Grenzen.

Ortmann weiß, dass es schwer wird. Vor vier Jahren, da war er gerade gewählt, hat er den Vorschlag gemacht, den Verbandsnamen zu ändern. Um die Vergangenheit hinter sich zu lassen und die Zukunft in den Griff zu bekommen. Die Sache wurde ein Desaster. Die damalige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, pfiff ihn zurück, mit einem Brief, dessen Ton ihn damals entsetzte, wie er sagt. Aber auch in seinem Landesverband war der Gegenwind eisig. Ortmann will es trotzdem noch einmal versuchen – vielleicht.

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