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Vertriebene-Vertreter : Der Bund der Aussterbenden

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Wie sehr die Bedeutung des Vertriebenen-Bundes nachgelassen hat, zeigt sich zum Beispiel daran, dass der Landesverband nur noch zirka 14 000 Mitglieder zählt – obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg, je nach Schätzung, bis zu 1,2 Millionen Vertriebene in Hessen ein neues Zuhause fanden. Ortmanns Kreisverband im Vogelsberg hat immerhin noch 70 Mitglieder, aber ein Nachbarverband hat sich kürzlich aufgelöst. Von früher 45 Kreisverbänden in Hessen gibt es noch 22.

Wie groß der Einfluss der Vertriebenen einmal war, zeigt exemplarisch der Erfolg der Partei „Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten“. Sie bildete von 1955 bis 1966 in Hessen eine Koalition mit der SPD unter Ministerpräsident Georg August Zinn. Und sogar auf Bundesebene trat die Partei nach 5,9 Prozent bei der Wahl 1953 für knapp zwei Jahre in eine Koalition mit CDU/CSU, DP und FDP unter Konrad Adenauer ein.

Von solch großem Einfluss ist nichts geblieben. 72 Jahre nach Kriegsende wird die Zahl derjenigen, die Flucht und Vertreibung am eigenen Leib erlitten haben, immer kleiner. Und auch das Engagement der sogenannten bekennenden Generation, der Kinder deutscher Heimatvertriebener, nimmt ab. Siegbert Ortmann weiß das. Deshalb wirbt er dafür, sich neuen Gruppen zu öffnen und zum Beispiel die vergleichsweise jungen Angehörigen der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Minderheit aus dem heutigen Rumänien, fester an den BdV zu binden. Außerdem will Ortmann den Verband stärker als Brückenbauer und Kulturwahrer in Europa darstellen. Offiziell definiert ist dessen Aufgabe in Paragraph 96 des Bundesvertriebenengesetzes. Darin heißt es: „Bund und Länder haben entsprechend ihrer durch das Grundgesetz gegebenen Zuständigkeit das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslands zu erhalten.“

Totenehrung steht am Anfang

Der Weg zum Wandel dürfte steinig werden. Zum Landesverbandstag sind an einem Samstagmorgen im April gut 80 Leute in den großen Saal im Wiesbadener Haus der Heimat an der Friedrichstraße gekommen. Nicht viele sind jünger als 60, etliche sind deutlich älter. Figuren in den Trachten von Hessen, Thüringen, Siebenbürgen, Pommern, Egerland, Schlesien, Spreewald und Sudetenland zieren eine lange Wand. Auf der Rednerbühne stehen sieben Fahnen im Halbrund. Die Veranstaltung beginnt mit einer Totenehrung.

Die Struktur der hessischen Vertriebenen-Organisationen ist relativ kompliziert. Denn nach dem Krieg gab es hierzulande einige Jahre lang zwei Verbände: den Landesverband der heimatvertriebenen Deutschen und den Landesverband der Landsmannschaften. Während für den Vertriebenenverband die Vertreibung an sich die Klammer war, taten sich die Mitglieder der Landsmannschaft vor allem nach ihrer Herkunft zusammen. Und während sich der eine Verband von Anfang an vor allem um soziale Fragen von Eingliederung kümmerte, wollte der andere vor allem das Heimatbewusstsein und das Kulturerbe der Vertriebenen stärken.

Weil sich beide Verbände aber bald mit identischen Themen befassten, beschlossen sie 1953 in Marburg, sich zusammenzutun. Nach den „Marburger Beschlüssen“ war fortan jedes Mitglied des einen automatisch auch Mitglied des anderen Verbands, zahlte aber nur einmal Beiträge. Bis heute entsenden beide Verbände zu einem Landesverbandstag dieselbe Zahl von Delegierten.

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