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Vertriebene-Vertreter : Der Bund der Aussterbenden

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Mit Fünf den ersten Kaugummi gekaut

Im Frühjahr 1945, der Krieg war längst verloren, kamen die ersten alliierten Soldaten nach Wiesengrund. „Aus dem schönen Haus haben uns nicht die Tschechen vertrieben, sondern die Amerikaner“, erzählt Ortmann. Ein General richtete dort sein Hauptquartier ein. Der kaum fünf Jahre alte Siegbert bekam zum ersten Mal Kaugummi. Im Keller lagerten die Amerikaner kistenweise Schokolade. Weil er sich in seinem ehemaligen Zuhause gut auskannte, konnte er regelmäßig etwas davon stibitzen. Die Familie musste in eine kleine Dachwohnung ziehen, fünf Straßen entfernt.

Anfang Juni 1945 kam der Vater zurück. Abgemagert, in zerrissener Uniform. Die Mutter war überglücklich und setzte ihm Essen vor. Doch es vergingen kaum zwei Stunden, da stürmten nationalistische Tschechen die kleine Wohnung. Sie ohrfeigten den Vater, bis er blutete. Das Hemd mit den Blutflecken hat Ortmann noch vor Augen. Sie nahmen den Vater mit und schafften ihn auf der offenen Ladefläche eines Lastwagens in einen Gefängnisraum im Rathaus.

Tagelang wurde der Vater verhört. Die Tschechen hielten ihm vor, 1938 als Notar vom „Anschluss“ profitiert zu haben. Sie beschuldigten ihn, den Beschluss des Stadtrats zur Änderung des Ortsnamens in Wiesengrund beurkundet zu haben. Und sie bezeichneten ihn als Nazi, weil er zwei Kindern arische Namen gegeben hatte. In der Tat bekam Siegbert seinen Namen, weil die Eltern 1940 an den deutschen Sieg über Frankreich erinnern wollten.

Monatelang saß der Vater im berüchtigten Zuchthaus Bory bei Pilsen, einem Gefängnis für Schwerverbrecher. Mit Tausenden anderen Deutschen. Er wurde gefoltert, bis zum Lebensende hatte er einen vernarbten Rücken. In jenen Wochen lief die Familie viele Mal zu Fuß 13 Kilometer von Dobrany nach Bory, um in der Nähe des Inhaftierten zu sein. An die langen Wege kann sich Siegbert Ortmann gut erinnern. Kontakt zum Vater erlaubten die tschechischen Wächter nie.

Ohne Vater weg aus der Heimat

Im August 1945 musste Familie Ortmann zum Bahnhof. Die Vertreibung begann. Ohne den Vater, den sie tot glaubten. Jeder durfte einen Sack mit 30 Kilogramm packen. Monatelang lebten die vier mit etwa 1000 anderen Deutschen in einem Lager in einer nahegelegenen Stadt. Irgendwann mussten sie in den nächsten Zug. Über Schweinfurt und Fulda gelangte die Familie nach Lauterbach im Vogelsbergkreis. Sie kam nachts um zwei Uhr an, am 11. Februar 1946. Einquartiert wurden die vertriebenen Sudetendeutschen in einer alten Schule.

Vom Vater hörten sie nichts. Ihm gelang im März 1946 die Flucht aus Bory. Nach einem Außeneinsatz der Häftlinge in einer Kanalisation versteckte er sich mit einem Kameraden und wartete auf die Nacht. In der Dunkelheit entkam er. Auf abenteuerlichen Wegen traf er Monate später im Sommer in Lauterbach ein. Kurz darauf begann er, dort wieder als Anwalt zu arbeiten.

Geschichten wie diese gibt es in fast jeder Vertriebenen-Familie. Doch die persönliche Betroffenheit nimmt mit jeder neuen Generation ab. Und damit schwindet auch die Bedeutung des Bundes der Vertriebenen, der in den fünfziger Jahren als Verein gegründet wurde. Siegbert Ortmann, der den Landesvorsitz in Hessen 2012 übernahm, hat das erkannt. Seine Schlüsse klingen logisch: Wenn sich derVerband nicht öffnet, wenn er weiterhin vor allem dem Verlorenen nachtrauert und sich keine neuen Ziele setzt, wird er irgendwann aufhören zu existieren.

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