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Neubauten in Darmstadt : Tatsachen und ihre Deutung

  • -Aktualisiert am

Soll zum neuen Stadtviertel umgestaltet werden: die ehemalige Cambrai-Fritsch-Kaserne in Darmstadt Bild: Michael Kretzer

Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) hat im Jahr 2015 den Darmstädtern 10.000 neue Wohnungen bis 2020 versprochen. Seitdem übt sich nicht nur die SPD ständig im Rechnen.

          Fake News und alternative Fakten gehören zum politischen Alltag, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Besonders riskant ist es bekanntlich, wenn man sich für die Zukunft festlegt. Manche Politiker müssen sich dann selbst korrigieren. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) etwa passte die Steuerschätzung bis 2023 um 124,3 Milliarden Euro nach unten an. Und die hessische Landesregierung? Die schreibt ihr einst laut verkündetes Zwei-Prozent-Ziel an Windkraftvorrangflächen einfach still und leise ab.

          In Darmstadt nimmt die SPD als Oppositionspartei die Tatsachenbehauptungen der grün-schwarzen Regierung gern unter die Lupe. Besonders wenn sie unter dem Slogan laufen „Versprochen und gehalten“. Da ist der Parteivorsitzende Tim Huß sehr sensibel. Insbesondere die Zahl 10.000 macht ihn hellhörig. So viele neugebaute Wohnungen hatte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) im Jahr 2015 den Darmstädtern bis zum 2020 versprochen.

          Das Maß aller Dinge

          Seitdem übt sich nicht nur die SPD ständig im Rechnen. Vor einem Jahr lüftete Partsch das Geheimnis, wie er auf die Zahl von 10.000 neuen Wohnungen gekommen war. Demnach stammt der Wert vom Institut für Wohnungen und Umwelt, weshalb er als solide genug galt, um Eingang in den Koalitionsvertrag von Grünen und CDU zu finden.

          Die Zahl 10.000 ist nun das Maß aller Dinge. Allerdings gab Partsch damals selbst zu, dass man „Zahlen tatsächlich unterschiedlich interpretieren kann“. Das gilt nun vermutlich auch für die neueste Hochrechnung der Stadt. Die hat der Oberbürgermeister Anfang des Monats vorgelegt. Tenor: Das vor vier Jahren ausgerufene Ziel von 10.000 neuen Wohnungen bis zum Jahr 2020 zu erreichen beziehungsweise „die planungsrechtlichen Voraussetzungen für deren Bau zu schaffen“, werde man „vermutlich spätestens im Laufe des kommenden Jahres erreichen“. Seiner Pressemitteilung fügte Partsch eine Liste gebauter oder in Planung befindlicher Wohnungen an, die sich auf 9688 Einheiten summiert.

          Die 9688 Wohneinheiten unterteilen sich in die Rubriken „In Planung“ (3765 Einheiten), „Teilweise im Bau und teilweise in Planung“ (2321), „Planung abgeschlossen, aber noch nicht im Bau“ (1074) „Im Bau“ (1154) sowie „Fertiggestellt“ (1374). Unter der ersten Rubrik ist auch das größte Bauvorhaben der Stadt aufgelistet, die Konversion der Cambrai-Fritsch-Kaserne und der Jefferson-Siedlung. Allein dort sind 1400 Wohneinheiten geplant. Bei einer Begehung der Konversionsfläche teilte die städtische Wohnungsgesellschaft Bauverein allerdings mit, dass bei optimalem Bauverlauf die Wohnungen in vier Jahren bezogen werden können.

          Das Beispiel legt nahe, dass in einer der nächsten Stadtverordnetensitzungen politisch nicht nur die Rechenkünste der Fraktionen gefragt sind, sondern auch deren hermeneutische Fähigkeiten. Wie sind die angekündigten 10.000 neuen Wohnungen bis 2020 eigentlich zu verstehen? Als bezugsfertige Häuser, als Baustellen oder als Planungsziele? Immerhin: Zwei harte Fakten stehen fest. Seit 2015 sind nach der Auswertung des Stadtplanungsamtes genau 1373 Wohneinheiten fertiggestellt worden. Im gleichen Zeitraum ist Darmstadts Bevölkerung um rund 7000 Personen gewachsen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

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