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Commerzbank-Chef in der Kritik : Versetzung gefährdet

Martin Zielke, Commerzbank Bild: Frank Röth

Der Gewinn sinkt, die Großbank will Tausende Arbeitsplätze abbauen: Commerzbank-Chef Zielke erhält von den Aktionären die rote Karte.

          Wer sich mit den ganz Großen und Erfolgreichen zeigt, muss sich auch an ihnen messen lassen. Die Commerzbank lässt in Werbespots gerne die Fußball-Nationalmannschaft und damit den amtierenden Weltmeister in Kapuzenpullis durch den Wald joggen. Die dafür getextete Werbeformel lautet: Mit dem Erfolg wachsen die Erwartungen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von Erfolg oder gar weltmeisterlichen Leistungen mag der aufgebrachte Aktionär der Commerzbank am Rednerpult aber nicht sprechen. Viele Anteilseigner, sagt der redselige Mann bei der Hauptversammlung des Finanzinstituts, hätten durch den Absturz der Aktie jede Menge Geld verloren. Dann greift er beherzt unter das Rednerpult, holt einen roten Zettel hervor und hält ihn mit ausgestrecktem Arm in Nachahmung eines Schiedsrichters in Richtung des auf dem Podium versammelten Vorstands. „Und deshalb bekommen Sie von mir die rote Karte.“ Was so viel heißt wie: Platzverweis.

          „Flegel“, „Nieten“, „Totalversager“

          Martin Zielke bleibt zwar sitzen bei seiner ersten Hauptversammlung als Vorstandsvorsitzender. Er wirkt im Laufe des Tages stets gefasst, unaufgeregt und gibt sich auffallend verbindlich. Doch hatte in den vergangenen Jahren sein Vorgänger Martin Blessing im Mittelpunkt der Vorstandsschelte gestanden, die teilweise in grobe Fouls wie „Flegel“, „Nieten“, „Totalversager“ und „Dilettanten“ ausgeufert war; nun ist Zielke Kapitän und Spielgestalter des Konzerns. Und muss in dieser Rolle, so wie im Werbespot formuliert, auch mit hohen Erwartungen leben. Dabei hat man das Gefühl, als seien die Aktionäre nach Jahren von Negativschlagzeilen, sich gegenseitig jagenden Strategiepapieren und dem nach einem Sinkflug von einst über 260 Euro bei unter 10 Euro angekommenen Aktienkurs von überbordenden Erwartungen weit entfernt.

          Dennoch ist Zielke ein Jahr nach seinem Amtsantritt in einer Zwickmühle, die von den Aktionären vor allem eines erfordert: Geduld. Der Familienvater will die Bank „fundamental erneuern“, stellt alle Prozesse auf die Probe, will das etwa 1000 Geschäftsstellen umfassende Filialnetz erhalten, auf diesem Weg in der Fläche innerhalb von vier Jahren zwei Millionen neue Kunden gewinnen und zugleich Kosten sparen. Dass dies eine Gratwanderung darstellt – vergleichbar mit dem Neuaufbau einer Fußballmannschaft in einem zum Sparen verdammten Verein –, ist Zielke bewusst: „Ich weiß, dass wir den Mitarbeitern vieles abverlangen.“

          Auf Sicht keine Dividende

          Netto sollen rund 7300 Stellen bei dem Konzern wegfallen, die Gespräche mit dem Betriebsrat darüber haben begonnen. Auch für die Aktionäre, die im vergangenen Jahr eine eher symbolische Dividende in Höhe von 20 Cent je Aktie erhalten hatten, brechen keine rosigen Zeiten an. Der überschaubare Gewinn in Höhe von 279 Millionen Euro im Jahr 2016 solle vollständig in die Rücklagen fließen, schlägt Zielke vor. Das heißt: Keine Dividende, mal wieder.

          Zielkes Problem ist, dass er die hohen Ziele unter Vorgänger Blessing als dessen Privatkundenvorstand selbst mit zu verantworten hat. Blessing habe im vergangenen Jahr vollmundig angekündigt, der damalige Gewinn in Höhe von 1,1 Milliarden Euro weise den Weg „zurück zu einer nachhaltig erfolgreichen Bank“, erinnerte Klaus Nieding, der als stellvertretender Präsident der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz eine Art Anwalt der Anleger ist. Nun jedoch stehe das Haus schlechter da als vor Jahresfrist – „und die Mitarbeiter müssen dafür den Kopf hinhalten“. Nieding kritisiert sinkende Erträge, Milliardenverluste durch faule Schiffskredite und die gestiegene Aufwandsquote, wonach die Commerzbank 75 Cent ausgeben muss, um einen Euro einzunehmen, und damit vergleichsweise ineffizient arbeitet.

          Zielke weist zu seiner Verteidigung auf das schwierige Bankenumfeld hin: Niedrigzinsen, Regulierungsauflagen und Investitionen in die Digitalisierung machen den Bankkonzernen schwer zu schaffen. Doch diese Gemengelage verpflichte ihn geradezu, das Steuer jetzt herumzureißen. Auch wenn dies eine Zeit der Entbehrungen bedeutet. „Die Bank ist nicht profitabel genug“, sagt er. Diese Situation werde sich weiter verschärfen, wenn man nichts dagegen tue. Denn: „Die Spielregeln ändern sich.“

          Geht es nach den Aktionären, darf sich Zielke nicht sicher sein, bei diesem Spiel noch lange dabei zu sein. Für sein erstes Jahr erhält er von Aktionärsschützer Nieding die Schulnote vier, das bedeutet „ausreichend“. Aber Zielke dürfe sich darauf nicht ausruhen, mahnt er. Sonst drohe die fünf. Und dann ist das Klassenziel verfehlt.

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