https://www.faz.net/-gzg-71fmd

Versandhändler : Neckermann stellt Insolvenzantrag

Packerei in der Zentrale Bild: dpa

Der Frankfurter Versandhändler Neckermann stellt Insolvenzantrag. Das haben das Unternehmen und die Gewerkschaft Verdi bestätigt.

          Der Frankfurter Versandhändler Neckermann stellt Insolvenzantrag. Dies haben das Unternehmen und die Gewerkschaft Verdi bestätigt. Beide Seiten hatten am Dienstag bis in den späten Abend hinein verhandelt und sich auf ein dreiteiliges Paket mit Regelungen zu Abfindungen, der Einrichtung einer Transfergesellschaft und Richtlinien zur Auswahl zu entlassender Mitarbeiter geeinigt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Angaben von Verdi ist die Übereinkunft an einer „Rolle rückwärts“ des Eigentümers Sun Capital Partners gescheitert. Sun habe vor Tagen mündlich eröffnet, dass Abfindungen aus den flüssigen Mitteln gezahlt werden dürften, dies aber nicht schriftlich fixiert und am Mittwoch die mündliche Zusage zurückgezogen. Das Gleiche gelte für die schon zugesagten 25 Millionen Euro für die Restrukturierung.

          Die Geschäftsführung werde alles daran setzen, die Geschäfte auch im vorläufigen Insolvenzverfahren fortzuführen. Neckermann hatte Ende April bekanntgegeben, das klassische Kataloggeschäft und den Textileigenhandel aufzugeben, die Logistik in Frankfurt zu schließen und 1380 von 2400 Vollzeitstellen abbauen zu wollen.

          Der Verdi-Gewerkschaftssekretär Bernhard Schiederig sagte auf Anfrage, für die Mitarbeiter sei die Situation sehr unsicher, da der Insolvenzverwalter noch nicht feststehe. Es sei noch nicht sicher, wie es nun mit dem Unternehmen weiter gehe.

          Schiederig äußerte die Hoffnung, Arbeitsplätze im Onlinebereich und der Logistiksparte retten zu können. Im schlimmsten Fall aber bedeute die Insolvenz das Aus für die Logistik in drei Monaten.

          Das Unternehmen Neckermann.de

          Neckermann.de gehört zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1950 in Frankfurt am Main als Neckermann Versand KG gegründet. 1995 startete es mit einem eigenen Online-Shop. Inzwischen erwirtschaftet Neckermann.de mit bundesweit rund 2400 Beschäftigten nach eigenen Angaben fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet.

          Der Kaufmann Josef Neckermann hatte bereits in der Nazi-Zeit mit Hilfe des NS-Regimes mehrere Textilgeschäfte jüdischer Kaufleute übernommen. Wegen seiner Regimenähe durfte er in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst nicht wirtschaftlich aktiv sein.

          Die nach der Gründung 1950 immer dicker werdenden Kataloge mit preisgünstigen Textilien, Radios und großen Elektrogeräten waren bald wie die der Konkurrenten Otto oder Quelle in fast jedem Haushalt zu finden. Der 1961 eingeführte Werbeslogan „Neckermann macht’s möglich“ wurde zum geflügelten Wort.

          Neckermann stieg zudem ins Reisegeschäft ein, verkaufte Fertighäuser und Versicherungen und betrieb auch eine Kaufhauskette. In den 1970er Jahren geriet das Stammhaus in die Krise und wurde 1977 mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen, die später mit dem Versandhändler Quelle fusionierte. Die Umbenennung in Neckermann.de 2006 stand für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.

          Das Unternehmen wurde dann 2007 mehrheitlich an den amerikanischen Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgte. Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernahm Sun 2010 auch die übrigen Anteile. Wegen schwacher Geschäfte war ein radikaler Personalabbau vorgesehen, eine Lösung in Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi aber scheiterte nun. Neckermann-Reisen hat mit dem Versandhandel nichts mehr zu tun und gehört zum Tourismuskonzern Thomas Cook.
           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer.

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.