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Versand versus Einzelhandel : Wo ist der Einkauf billiger, wo ist er moralischer?

Am Band: Die Bestellung bei Amazon wird wie in einer Fabrik verarbeitet. Bild: REUTERS

Nicht jeder in der Frankfurter Innenstadt verdient mehr als die Mitarbeiter von Amazon. Bei den Preisen liegt schon einmal die Zeil vorn. Und allgemein: Welcher Einkauf hat die bessere Klimabilanz?

          Gerne und viel wird darüber gestritten, ob es moralisch ist, bei Amazon einzukaufen. Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen im großen Logistikzentrum in Bad Hersfeld haben die Verbraucher im vergangenen Jahr aufgerüttelt. In diesem Jahr macht Verdi schlechte Stimmung, weil Amazon sich nicht an die Tarife halten will, die die Gewerkschaft gerne sähe. Verdi sagt, Amazon sei ein Versandhändler und solle seine Mitarbeiter nach diesen Tarifen bezahlen, inklusive Urlaubs-, Weihnachtsgeld und Feiertagszuschlag. Amazon sieht sich als Logistiker und orientiert sich an den niedrigeren Tarifen dieser Branche. Nach Unternehmensangaben erhält ein Neueinsteiger im Lager in Bad Hersfeld 10,01 Euro in der Stunde, im zweiten Jahr 11,59 Euro und im dritten 11,71 Euro. Hinzu kämen Boni, Weihnachtsgeld und Aktienbeteiligungen am Unternehmen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sind die Kollegen auf der Zeil besser dran? Bei Verdi verweisen sie gerne auf die 13,79 Euro in der Stunde, die im hessischen Einzelhandel zumindest mit etwas Erfahrung verdient werden. Wer ganz neu und ohne Erfahrung in den Ladenbetrieb kommt, erhält allerdings nach Auskunft von Gewerkschaftssekretär Horst Gobrecht nur 8,54 Euro. Im Vorweihnachtsgeschäft setzen zudem viele Einzelhändler Aushilfen ein, deren Löhne sich gar nicht nach Tarifverträgen richten. Erfahrene Kräfte würden oft wie Unerfahrene behandelt, sagt Gobrecht. Gelegentlich höre er von Stundenlöhnen um die 6,50 Euro. Das Klischeebild des kleinen lieben Einzelhändlers und des ausbeuterischen Großunternehmens stimme auf jeden Fall nicht immer. Im kleinen Fachgeschäft mit wenigen Mitarbeitern muss schließlich jeder mithelfen, wenn einmal mehr zu tun ist.

          Preisvergleich der Waren

          Für die Mitarbeiter von Hugendubel gilt der Tarifvertrag des bayerischen Buchhandels. Laut Verdi liegt hier der Einstiegslohn bei 10,76 Euro. Mit Ausbildung und fünf Jahren Erfahrung kann man 15,33 Euro verdienen. Karstadt, Kaufhof und H&M zahlen laut Verdi nach dem hessischen Einzelhandelstarif. Eine neu anfangende gelernte Verkäuferin erhält danach 9,98 Euro, auf 13,79 Euro kommt sie nach fünf Jahren.

          Die Kaufpreise für neue Bücher unterscheiden sich wegen der Buchpreisbindung nicht. Bei Spielzeug gehen sie aber teils weit auseinander. Der gleiche Werkzeugkoffer mit Bohrer kostet bei Karstadt 32,99 Euro, bei Amazon 31,22 Euro und bei Kaufhof im Sonderangebot nur 19,99 Euro. Beim Wein, den bei Amazon selbständige Händler verkaufen, machen die Versandkosten den Unterschied – so kann eine Flasche, die mit gut neun Euro ausgewiesen ist, schnell drei oder sogar sechs Euro teurer werden. Das passiert im Laden nicht. Auch das Einpacken lässt sich Amazon bezahlen. Während bei Hugendubel gratis die Schleifchen gerollt werden, verlangt Amazon dafür 2,99 Euro. Dafür kommen in der Innenstadt noch die Kosten für die Anfahrt hinzu und gegebenenfalls für das Parkhaus. Dreieinhalb Stunden Parken unter dem Goetheplatz kosten sieben Euro. Die spart, wer mit dem Fahrrad kommt.

          900 Gramm Kohlendioxid für zwei Pakete

          Ein Fahrradfahrer hätte auch die beste Klimabilanz. Berechnet man nur den Weg von Amazon zum Kunden in Frankfurt, so kommt das Paket, das von Hermes geliefert wurde, nach Angaben des Versenders auf 400 Gramm Kohlendioxid. Der Wein wurde von DHL geliefert, wo von 500 Gramm je Paket die Rede ist. Wer noch einmal zur Post fahren muss, um das Paket abzuholen, verschlechtert die Klimabilanz weiter. Da beide Päckchen aber direkt beim Nachbarn hinterlegt wurden, kommt Amazon zusammen auf 900 Gramm Kohlendioxid.

          Für die Fahrt mit dem Auto in die Innenstadt, vier Kilometer hin und wieder zurück, berechnet Moritz Motschall vom Öko-Institut einen Ausstoß von knapp zwei Kilogramm Treibhausgas – der Wissenschaftler rechnet aber auch etwas strenger als die Logistikunternehmen. Eins zu eins lässt sich die Klimabilanz ohnehin nur schwer vergleichen. Schließlich müsste laut Motschall auch berücksichtigt werden, dass ein gut beheizter und ausgeleuchteter Laden mehr Strom pro Produkt verbraucht als ein Großlager. Bei der Internetbestellung fällt die Verpackung noch ins Gewicht. Und Expresslieferungen auf den letzten Drücker würden oft mit halbvollen Transportern ausgeliefert – schlecht für das Klima.

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