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Zivilschutz im Hochtaunus : Verräterische Rohre und ein schmaler Weg ins Freie

Unauffälliger Helfer des Zivilschutzes: Bodendecker um das Ende eines Lüftungsrohres des Zivilschutzes in Bad Homburg Bild: Wonge Bergmann

Mit der Bad Homburger Post verschwindet auch ein Bunker als Relikt des Kalten Kriegs. Die Spur des Sirenenalarms führt dagegen unter die Erde in Usingen.

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          Als unauffälliger Helfer des Zivilschutzes dient ein immergrüner Bodendecker. Bei näherem Hinsehen ist zwischen den kleinen Blättern und roten Knospen des Strauchs ein schwarzes Rohr zu erkennen, dessen offenes Ende ein runder Metalldeckel schützt. „Ein Bunkerfreak sieht sofort, was hier unter der Erde steckt“, sagt Daniel Guischard. Der Leiter der Bad Homburger Feuerwehr ist kein Freak, sondern für den Bevölkerungsschutz zuständig. Sich mit Bunkern auszukennen ist für ihn Teil des Berufs. „Die Tarn-Bepflanzung ist genauso typisch wie die schwarzen Belüftungsrohre“, erklärt er.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Guischard steht vor der Post am Bad Homburger Bahnhof. Bis vor kurzem hat dort die meisten Besucher vor allem die Frage beschäftigt, wie lang wohl die Schlange vor dem Schalter sein wird. Auf den Boden vor dem Flachbau hat vermutlich niemand geachtet. Dort gibt es vier quadratische Betonflächen mit Metallklappe: die Notausgänge für vier Schutzräume. Nur 50 mal 50 Zentimeter sind die mit Steigeisen versehenen Schächte groß - hoffentlich stimmt der Body-Mass-Index der Nutzer. Der Abstand der Quadrate zum Gebäude verrät dem Fachmann noch mehr. „Er beträgt ein Drittel der Traufhöhe, damit bei einem Treffer keine Trümmer die Ausgänge verschütten.“

          „Atomare Bedrohung das Leitmerkmal“

          Die Post ist inzwischen in das Louisen-Center an der Einkaufsstraße gezogen. Das bisherige Domizil, das einem Kino mit Club und Büros Platz machen soll, wird demnächst abgerissen. Da klingt ein Bunker nach größerem Hindernis. Guischard winkt ab. „Als der Schutzraum um 1970 gebaut worden ist, war die atomare Bedrohung das Leitmerkmal.“ Was bedeutet, dass der Raum zwar eine Druckwelle aushalten sollte und gegen radioaktiven Niederschlag gewappnet war. Einen Atombomben-Volltreffer zu überstehen schien jedoch aussichtslos, weshalb die Stärke der armierten Betonwände nur 40 Zentimeter beträgt. Im Zweiten Weltkrieg hingegen mussten die Bunker wegen der Flächenbombardements auch einen direkten Bombeneinschlag aushalten. „Deren Wände sind deshalb vier bis sechs Meter dick“, beschreibt Guischard die unterschiedliche Sicherheitsdoktrin.

          Im Untergeschoss der Post markieren typische Büroschilder die Eingänge der Schutzräume. Die Türen allerdings unterscheiden sich: Sie sind aus Metall, haben schwere Riegel und der umlaufende schwarze Gummi weist sie als gasdicht aus. „Wenn die Tür zu ist, wird ohne Belüftungsanlage irgendwann der Sauerstoff knapp“, sagt Guischard. „Deshalb haben wir auch ausgiebig den Handy-Empfang getestet, bevor wir nach dem Auszug der Post die Räume inspiziert haben.“

          In Kopfhöhe ragt links und rechts neben der Tür je ein rundes Metallrohr aus der Wand. „Das sind die Überdruckventile.“ Damit keine giftigen Stoffe eindringen konnten, musste der Luftdruck im Schutzraum höher sein als außerhalb. Dafür sorgte die Belüftungsanlage, die über die schwarzen Rohre in den Sträuchern die Außenluft durch eine Brandsperre aus Sand und einen ABC-Filter angesaugt hat.

          Griffe leuchten fluoreszierend nach

          Vier solcher Anlagen gab es. In jedem Schutzraum, der wiederum für jeweils 40 Personen ausgelegt war, stand eine. „Mehr Menschen hätte man nicht aufnehmen dürfen, weil die Kapazität auf deren Sauerstoffverbrauch ausgelegt ist“, erläutert der Feuerwehrchef. Bei Stromausfall gab es Kurbeln für den Handbetrieb.

          Einige Details befördern die Vorstellungskraft von dem, was die Insassen des Schutzraums erwartet hätte: Als Guischard das Licht ausmacht, leuchten im Dunkeln die Griffe der Kurbeln und das Ziffernblatt der großen Überdruckanzeige fluoreszierend nach - von ihrer Betätigung hing das Überleben ab. Im Hellen weist der Feuerwehrchef auf die Gummipuffer hin, die alle Rohre, die Belüftungspumpen und sogar die Leuchtstoffröhren an der Decke vom Beton trennen. Sie sollten verhindern, dass bei einer Detonation durch die Erschütterung alles zu Bruch ging.

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