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Verletzungen bei Kindern : Mehr als nur ein Sturz vom Wickeltisch

  • -Aktualisiert am

In der Ambulanz: Oberarzt Marco Baz Bartels und Assistenzärztin Nathalie Schmitz (links) untersuchen ein Kleinkind. Bild: Eilmes, Wolfgang

Wenn bei einem Kind Verletzungen nicht zum geschilderten Unfallhergang passen, dann besteht Verdacht auf eine Misshandlung.

          Es ist 3 Uhr morgens an einem Sonntag, als ein Auto vor dem Haus 32 auf dem Gelände der Uniklinik vorfährt. Ein junges Paar steigt aus, der Mann holt ein Baby im Strampelanzug von der Rückbank und trägt es auf dem Arm ins Gebäude. In der Kinderklinik orientiert sich die Familie an den Schildern, folgt den Hinweisen zur Notaufnahme und meldet sich bei der Schwester. Der kleine Jannik (Name und Alter geändert) sei am Vortag vom Wickeltisch gefallen, berichtet die Mutter. Der zehn Monate alte Junge habe zunächst geweint, sich aber bald wieder beruhigt. Am Abend sei Jannik sehr schläfrig und fahrig gewesen und habe nichts trinken wollen. Er sei früh eingeschlafen, in der Nacht aber aufgewacht und habe sich übergeben. Weil er danach nicht mehr ansprechbar gewesen sei, seien sie lieber in die Klinik gekommen, berichtet sie weiter.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Schwester schaut nach dem Jungen auf dem Arm seines Vaters. Da fängt der Kleine an zu krampfen. Sofort funkt sie den diensthabenden Kinderarzt in der Klinik an und führt die Familie ins Behandlungszimmer. Als wenig später der Dienstarzt den Raum betritt, hat der Junge einen weiteren Krampfanfall. Abermals erzählen die Eltern vom Sturz von der Wickelkommode. Der Arzt tastet den Schädel ab, kann jedoch keinen Bruch feststellen, aber eine nach oben gewölbte Fontanelle. Da ein Blut-Schnelltest keine Entzündungszeichen ergibt und der Arzt bei der weiteren Untersuchung keine Nackensteife feststellen kann, schließt er eine Hirnhautentzündung aus. Wegen der Möglichkeit einer Aneurysmablutung, einer geplatzten Ader im Kopf, soll der Schädel noch radiologisch untersucht werden. Derweil wird schon alles für eine mögliche Operation vorbereitet; der Junge wird intubiert und künstlich beatmet.

          Noch einmal rötgen

          Auf der Computertomographie sind tatsächlich Blutungen zu erkennen, allerdings an mehreren Stellen. Dass das Hirnödem und die Blutungen von nur einem Sturz herrühren, erscheint dem Arzt unwahrscheinlich. Weil er ein sogenanntes Schütteltrauma vermutet, bittet er die Schwester, die Rufbereitschaft der Kinderschutzambulanz zu alarmieren. Diese wurde vor knapp einem Jahr mit finanzieller Hilfe des Vereins Kinderhilfestiftung an der Uniklinik eingerichtet. Diese Zeitung sammelt nun Spenden ihrer Leser, um die Arbeit zu unterstützen und die Ambulanz personell besser ausstatten zu können.

          Heute hat Oberarzt Marco Baz Bartels Dienst. Als der auf Kinderschutz spezialisierte Arzt in der Uniklinik eintrifft, ist der Junge schon im Operationssaal. Bartels betrachtet die Röntgenbilder und bestätigt den Verdacht, dass das Kind mehr als nur einen Unfallsturz vom Wickeltisch erlitten haben muss. Die Blutungen ließen darauf schließen, dass sein Kopf ruckartig bewegt wurde. Nach der lebensrettenden Operation untersucht er Jannik genau, tastet den kleinen Körper nach Knochenbrüchen ab und lässt das Kind zur Sicherheit noch einmal röntgen. Würden bei dem Jungen neue und alte Rippenfrakturen oder andere Brüche entdeckt, könnten die Eltern ein einzelnes Unfallereignis nicht mehr glaubhaft machen, sagt Bartels.

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