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Verlag der Autoren : Eigentumsgesellschaft

Geglücktes Experiment: Der Frankfurter Verlag der Autoren ist zum ersten Mal Herr im eigenen Haus. Bild: Wonge Bergmann

Im Frankfurter Bahnhofsviertel ist der Verlag der Autoren, der aus der Lektorenrevolte bei Suhrkamp hervorging, erstmals in eigenen Räumen untergebracht. Ein geglücktes Experiment.

          3 Min.

          Von all den Frankfurter Experimenten mit Selbstbestimmung durch Mitbestimmung ist der 1969 gegründete Verlag der Autoren das einzige, das überlebt hat. Der früh gefundene Wahlspruch „Der Verlag der Autoren gehört den Autoren des Verlages“ steht auch heute noch am Klingelschild des Unternehmens, direkt unter dem Namen des Verlags, der heute etwa 160 Gesellschafter hat. Angebracht ist das Klingelschild am neuen Verlagssitz in der Frankfurter Taunusstraße, bislang klebt es dort allerdings nur provisorisch, als Papierstreifen unter Tesafilm. Aber der Umzug des Verlags in das Bahnhofsviertel ist ja auch erst einige Monate her.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          An seine neue Adresse gezogen ist der Verlag, um für die nächsten Jahrzehnte zu bleiben, das Klingelprovisorium jedoch passt zu einem Viertel im Wandel. Der Silberturm der Deutschen Bahn am Jürgen-Ponto-Platz liegt um die Ecke, von den Fenstern des Verlags blickt man auf ein Eros-Center und zwei Spielcasinos, in den weitgehend leerstehenden Büroetagen darüber beobachten die Verlagsmitarbeiter gelegentlich Menschen in Bademänteln. In das Bahnhofsviertel hat es den Verlag aus mehreren Gründen gezogen. An seinem alten Sitz im Gutleutviertel lief der Mietvertrag aus, gleichzeitig suchte die Autorenstiftung, in die seit 1973 die Hälfte der Verlagsgewinne fließt, nach einer sicheren Geldanlage. In den neuen Verlagssitz ist auch das Geld von Walter Boehlich geflossen, der als Suhrkamp-Lektor eine der Hauptfiguren des Lektoren-Aufstands war und die Autoren-Stiftung vor seinem Tod im Jahr 2006 zu seiner Erbin eingesetzt hat. Der Umzug in das Bahnhofsviertel sollte der Stiftung für ihre Geldanlage eine sichere Rendite garantieren. Davon, dass es so kommt, ist Annette Reschke, Lektorin des Verlags und Vorsitzende der Stiftung, überzeugt. „Es ist ein Viertel in Bewegung“, sagt sie. Und es habe viel zu bieten, ergänzt Thomas Maagh, Lektor und einer der beiden augenblicklichen Verlagsgeschäftsführer. „Wir haben keine Schwierigkeiten, etwas essen zu gehen.“

          Der Zauber des Immobilienbesitzes

          Der Umzug hat aus dem Verlag auf dem Umweg über die Stiftung aber auch erstmals ein Unternehmen gemacht, das vom Zauber des Immobilienbesitzes kostet. Verlag und Stiftung, die als Konsequenz aus dem Scheitern der Lektoren-Revolte gegen die Besitzverhältnisse im Hause Suhrkamp gedacht waren, sind zum ersten Mal Herren im eigenen Haus. Die Verlagslegende will es, dass mit diesem Schritt die Hoffnung eines der ersten und wichtigsten Unterstützer des Verlags erfüllt wird. Karlheinz Braun, maßgeblicher Mitbegründer des Experiments und später lange Zeit Vorsitzender der Autorenstiftung, erinnert sich daran, dass Walter Boehlichs Bruder Wolf, der den Verlag in seinen Anfangsjahren mit einem Darlehen von 25000 Mark unterstützte, auf dessen Rückzahlung er verzichtete, schon damals gehofft habe, das Geld möge der Grundstock für ein Vermögen sein, mit dem die Stiftung dem Verlag einmal eine Wohnung kaufen könne.

          So ist es nun gekommen. Gekauft hat die Stiftung, der der Verlag eine ortsübliche Miete zahlt, eine Büroetage in einem Gebäude mit roter Sandsteinfassade, errichtet an der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert als Geschäftshaus. Gehandelt worden sei dort immer, sagt Reschke, sowohl mit Aquarienbedarf als auch mit Gold. Da der Verlag der Autoren seit jeher vor allem ein Theaterverlag ist, freut man sich besonders darüber, dass nach dem Krieg fast ein Varieté-Theater in das Gebäude gezogen wäre. Dem Geist des Hauses hat die vom Verlag beauftragte Architektin Marie Theres Deutsch nun ein lichtes Interieur verpasst.

          Raffinierter Innenausbau

          Gegliedert ist die 360 Quadratmeter große Etage, deren Innenausbau als Mieter der Verlag finanziert hat, in ein kleines Entree mit Teeküche, den hellen Besprechungsraum mit alten Türen und hohen Fenstern zur Straße sowie einen einzigen weiteren Raum, der von der Front des Hauses bis zu einem kleinen Lichthof in der Tiefe des Gebäudes reicht. Der breite und langgestreckte Raum erhält zusätzliches Licht von Fenstern im seitlich gelegenen Haupt-Innenhof, ist aber trotzdem nicht ganz einfach zu erhellen. Gelöst hat Deutsch das Problem mit vielen weißen und grauen, glänzenden und mattierten Oberflächen. Entlang eines breiten Mittelgangs gruppieren sich vor- und zurückspringende Regalnischen und die Arbeitsplätze der Mitarbeiter, bis zur Höhe der Schreibtischplatte hinter weißen Wänden verborgen, darüber wie am alten Verlagssitz verglast, so dass man in Ruhe arbeiten kann, die Kollegen aber trotzdem vor Augen hat.

          Über den Arbeitsplätzen geben breite Leuchten je nach Wunsch Licht hinzu, Schall schlucken sie ebenfalls. Das müssen sie können, weil alle Einrichtungselemente des großen Raumes knapp unter der Zimmerdecke aus sogenannten preußischen Kappen enden. Deren flache Wölbungen zwischen tragenden Deckenbalken ergeben zwar ein abwechslungsreiches Bild, streuen den von 14 Angestellten und ihren Gesprächen erzeugten Schall aber auch munter in alle Richtungen. Die Lampen über den Arbeitsplätzen schlucken daher ebenso etwas von der Lautstärke wie das perforierte Material der Wände neben den Arbeitsplätzen.

          „Man kann fünf Minuten vor der Premiere loslaufen“

          Das ist ebenso praktisch gedacht, wie es die Lage des Verlags im Bahnhofsviertel für die Mitarbeiter ist. Der Hauptbahnhof liegt am Ende der Straße, das erleichtert nicht nur das eigene Reisen, sondern erlaubt es auch, Theaterdramaturgen auf der Durchreise darum zu bitten, in Frankfurt kurz auf einen Kaffee und eine Besprechung auszusteigen. In der anderen Richtung liegt das Schauspiel Frankfurt ebenso nah. „Man kann fünf Minuten vor der Premiere loslaufen“, sagt Maagh. Es gibt also keinen Grund, warum der Verlag der Autoren so bald wieder umziehen könnte.

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